München – In einer verkorksten 1860-Saison war ER einer der Lichtblicke: Leandro Morgalla (18), der stets motivierte Defensivallrounder aus dem vereinseigenen NLZ. Keiner spielt beständiger, keiner hat mehr Biss, keiner eine bessere Karriereperspektive. Auf dem Papier ist Morgalla bis 2026 an seinen Ausbildungsverein gebunden, doch wie lange tut er sich die 3. Liga an? Wir sprachen mit dem U 19-Nationalspieler – in seinem ersten ausführlichen Tageszeitungsinterview.
Notenbester Löwe, Stammspieler in der 3. Liga seit dem 17. Lebensjahr, U 19-Nationalspieler. Waren Sie immer so ein Überflieger, Herr Morgalla?
Nein, in der U 17 hat es plötzlich klick gemacht. Wieso, kann ich mir bis heute selbst nicht so erklären. Seit der U 11 habe ich hier bei 1860 zwar immer gespielt, aber ich war nie der Spieler, der jedes Jahr alles überstrahlt hat. Mit 16 kam dann der Einschlag. Vielleicht, weil mich mein Trainer Jonas Schittenhelm von außen in die Innenverteidigung gezogen hat.
Wie viel mussten Sie als heranwachsender Spieler entbehren?
Es erfordert viel mentale Stärke. Ich habe mich darauf fokussiert, mir den Traum zu verwirklichen und Profi zu werden. So eine Chance bekommt man im Leben nur einmal. Dass ich sowieso nicht der Partytyp bin – bis heute nicht –, kam mir entgegen. Fußball war für mich immer die Nummer eins.
Können Sie sich noch gut an ihr Debüt in der ersten Mannschaft erinnern?
Klar, das war aufregend! Ich weiß noch genau, wie ich davon erfahren habe, dass ich im Totopokal gegen Birkenfeld dabei sein würde. Und zwei Tage später mit den großen Jungs in den Bus einzusteigen . . . Das werde ich nie vergessen. Nicht viele können von sich behaupten, dass sie mit 16 zum ersten Mal ganz oben dabei waren. Mein Trikot von damals habe ich noch im Zimmer hängen.
Zurück in die Gegenwart: Zu Saisonbeginn lief es super für die ganze Mannschaft. Dann kam im Herbst der Bruch. Warum?
Das fragen wir uns in der Mannschaft auch immer noch. Wenn wir es wüssten, hätten wir es damals schon geändert. Es ist schwer zu sagen. Aber klar ist: Wir waren selbst dafür verantwortlich. Niemand anderes.
Ab wann hat die Mannschaft gemerkt, dass es sich nicht nur um eine kleine Delle handelt?
Nach dem Spiel in Bayreuth (0:1/Red.) sind wir in eine schlechte Phase geraten. Da haben wir leider viel zu viel liegen gelassen.
Sie sind trotzdem weiter voranmarschiert. Mussten Sie in der Krise notgedrungen zum Führungsspieler reifen?
Ich übernehme von Haus aus gern die Verantwortung. In dieser schwierigen Phase bin ich automatisch in diese Rolle hineingerutscht und habe meine Mitspieler gepusht.
Gehört viel Mut dazu, auch gestandenen Spielern mal die Meinung zu geigen?
Auf dem Platz gehört es nun mal dazu, dass man sich die Meinung sagt, sich gegenseitig coacht und anfeuert. Da darf niemand beleidigt sein – auch ich nicht, wenn ich mal eine Ansage bekomme. Am Ende dient alles der Leistung auf dem Feld. Alter spielt bei solchen Dingen keine Rolle.
In Marius Wörl ist ein anderes NLZ-Talent zum Stammspieler geworden. Hilft Ihnen das?
Schon, ja. Das liegt aber nicht unbedingt am Alter. Marius ist einer meiner besten Freunde. Wir spielen seit der U 15 zusammen. Wir waren Kumpels seit Tag eins, als er zum Verein kam. Dass wir auch in der ersten Mannschaft gemeinsam spielen, freut mich total. Wir haben ein überragendes Verhältnis.
Sie fahren beide auch gemeinsam zur U19-Nationalmannschaft. Welche Rolle spielt die Zeit dort für Ihre Entwicklung?
Eine unheimlich wichtige, das habe ich durch unsere Spiele in der EM-Quali gemerkt. Die Gegner sind zwar gleich alt. Aber bei den Italienern, gegen die wir neulich gespielt haben, waren welche dabei, die schon in der Serie A spielen. Das ist ein viel höheres Niveau. Und dieser internationale Vergleich ist mir sehr wichtig.
Was lernt man denn in solchen Lehrgängen, die jeweils nur wenige Tage dauern?
Vor allem, wie man auf den Punkt seine Leistung abruft, wenn es drauf ankommt. Du kommst beim DFB an und musst direkt performen. Es kommt drauf an, dass das Team innerhalb von wenigen Stunden harmoniert, ohne viel Vorbereitung.
Wie oft hören Sie von den DFB-Kollegen, dass man woanders höher als 3. Liga spielen könnte?
Früher, als ich in der U 19-Bayernliga gespielt habe, gab es schon Kollegen, die gesagt haben: .Komm zu uns in die Bundesliga!’ Aber mittlerweile habe ich 40 Partien als Profi absolviert. Das haben die anderen Spieler nicht vorzuweisen. Da bringt es ihnen nichts, dass sie zwar bei größeren Vereinen unter Vertrag stehen, da aber nicht spielen. Die 3. Liga ist für mich viel förderlicher, weil es meinem Alter das Motto gibt: Du musst spielen, spielen, spielen. Nur so kann ich mich weiterentwickeln.
Reden Sie mit Ihrem Spezl Marius Wörl auch über Zukunftsthemen? Empfehlen Sie ihm, Ihren Weg zu gehen und langfristig bei 1860 zu verlängern?
Natürlich sprechen wir auch über solche Themen.
Was sagt Ihr Gefühl? Wie wird er sich entscheiden?
Das weiß ich nicht. Aber egal, wie er sich entscheidet – wir werden auf jeden Fall Freunde bleiben.
Und wie planen Sie Ihre Zukunft? Unabhängig von der Vertragslaufzeit: Geben Sie den Löwen ein weiteres Jahr, um gemeinsam aufzusteigen?
Damit beschäftige ich mich aktuell sehr wenig. Wir haben jetzt noch sechs Spiele, die wir erfolgreich miteinander bestreiten wollen – was danach passiert, wird man sehen. Ich mach’ mir darüber keinen großen Kopf.
Angenommen, Sie erwägen zu bleiben – dann wahrscheinlich nur mit der Perspektive Aufstieg . . .
Das ist noch viel zu weit weg. Wir haben wie gesagt noch sechs Spieltage in 2022/2023. Über die neue Saison sprechen wir, wenn es soweit ist.
Was hat denn dem Team 22/23 aus Ihrer Sicht zum Aufstieg gefehlt?
Unser Kader ist top, über den braucht sich keiner zu beklagen. Am Ende geht’s um Themen wie Konstanz. Das liegt nicht an einzelnen Spielern. Das ist ein Mannschaftsding – wenn du Konstanz reinbringst, wirst du ziemlich sicher auch aufsteigen.
Nebenbei machen Sie eine Ausbildung zum Bürokaufmann – in der Pressestelle des Vereins. Passend dazu die Abschlussfrage: Was hielten Sie von der imaginären Schlagzeile im Sommer 2024: ,Flick beruft EM-Kader: Löwen-Wunderkind Morgalla dabei’?
(lacht) Irgendwann mal fürs A-Nationalteam aufzulaufen, ist natürlich einer meiner größten Träume. Mal schauen, ob ich das mal schaffe. Träumen darf man immer. Aber so was zu lesen – das wäre natürlich der Wahnsinn, da wäre ich richtig stolz!
Interview: Uli Kellner und Jacob Alschner