Kahn in der Kritik

Wenn die Lobby fehlt

von Redaktion

HANNA RAIF

Nicht nur einmal hat es in den vergangenen zwei Jahren Momente gegeben, in denen sowohl Uli Hoeneß als auch Karl-Heinz Rummenigge sich still und heimlich fragten: Warum? Und die Gedanken, die jeder für sich und manchmal beide gemeinsam hatten, waren folgende: Hätten sich die einstigen Bayern-Macher in den letzten Zügen ihrer Amtszeiten nicht aneinander aufgearbeitet, hätte man den Abschied aus der oberen Etage an der Säbener Straße noch ein wenig hinauszögern können. Ein paar Jahre mehr in altbewährten Strukturen – diesen Eindruck haben nicht nur die einstigen starken Männer – hätten diesem Verein doch sehr gut tun können.

Es mag nicht immer zielführend sein, sich an die Vergangenheit zu klammern – und man darf auch nicht vergessen, dass es unter Hoeneß und Rummenigge schwere Zeiten gab. Aber selbst wenn man der Nachfolge-Generation eine faire Chance geben wollte, muss man die Kritik, die aktuell auf CEO Oliver Kahn einprasselt, in großen Teilen irgendwo zwischen gut zu verstehen und berechtigt einordnen. Das liegt freilich an der mageren Bilanz von (höchstens) zwei Titeln aus den ersten beiden Jahren an der Spitze des Clubs, der sich eigentlich zu Europas Besten zählt. Es liegt aber auch an vielen großen wie kleinen, internen wie externen Entscheidungen, die das Ansehen, das der einstige Weltklasse-Keeper auf dem Feld genossen hat, haben bröckeln lassen. Kahn ist angeschossen, mindestens. Und dass der Gegenwind aus allen Seiten bläst, macht die Sache nicht einfacher.

Wer diesen Verein und seine Mechanismen verstehen will, muss tief im Inneren, unter den mehr als 1000 Mitarbeitern anfangen. Denn dort ist der berühmte Spagat zwischen Tradition und Moderne, zwischen Heimatverbundenheit und Weltoffenheit verwurzelt. Kahn kennt das Konstrukt, er kennt die Werte, er kennt auch die Eitelkeiten, die mitunter bei großen Entscheidungen mitschwingen. Trotzdem hat er von Beginn an einen Weg gewählt, den böse Zungen mit „über den Dingen schweben“ bezeichnen. Viele seiner engsten Mitarbeiter sind Unternehmensberater, seine Zukunftsvision heißt „FC BAYERN AHEAD“. Dass Nahbarkeit und familiäres Denken dafür weniger wichtig wurden, bemerkten einige.

Dieser Ansatz einer Modernisierung kann funktionieren, er ist aber riskant, wenn die Basis auf dem Platz nicht stimmt. Wenn alles auf dem Prüfstand steht, steht auch die Führung selten gut da. Hat man dann aufgrund streitbarer Entscheidungen (in Absprache mit Sportvorstand Hasan Salihamidzic) schlechte Argumente – und keine Lobby mehr–, wird es halt eng.

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