München – Die Laune ist gut, als Christian Heidel zum Video-Telefonat Platz nimmt – und das hat gleich mehrere Gründe. Zum einen empfängt sein FSV Mainz 05 den FC Bayern an diesem Samstag (15.30 Uhr) mit der breiten Brust aus neun Spielen ohne Niederlage. Zum anderen freut sich der Sportvorstand auf das Wiedersehen mit einem alten Bekannten. Knapp 14 Jahre ist es her, dass Heidel (59) Thomas Tuchel einst vom A-Jugend-Trainer zu den Profis beförderte – und eine Weltkarriere ihren Lauf nahm.
Herr Heidel, 2:6 und 0:4 hat Mainz diese Saison gegen Bayern gespielt. Lautet das Motto nun: „Aller guten Dinge sind drei?“
(lacht) Da hätten wir nichts dagegen. Aber wir gehen komplett realistisch ran, immer mit derselben Einstellung: Wir müssen alles auf den Platz bringen und irgendwie hoffen, dass Bayern das nicht gelingt. Im Pokal waren wir chancenlos. Trotzdem gehen wir ohne Angst da ran.
Immerhin sind Sie nach Dortmund und Bayern die beste Rückrunden-Mannschaft. Während 23 Punkte bei den Bayern eine schlechte Ausbeute sind, sind 22 für Mainz ein echter Erfolg.
Wenn man zehn Mal in Folge Meister war, ist der zweite Platz eine Niederlage. Da sieht es bei uns anders aus. Wir sind mit unserer Ausbeute sehr zufrieden, wollen die Saison aber nicht jetzt schon beenden. Da geht noch mehr.
… und dann nach Europa?
Sie sprechen das Wort an – danke (lacht)! Denn ich wollte gerade sagen, dass wir uns trotzdem nicht „Europa“ auf die Fahnen schreiben. Wir wissen, was Platz sechs und Platz sieben bedeuten. Aber warum sollten wir die Herangehensweise, die uns bis hierhin gebracht hat, ändern?
Neun Spiele ohne Niederlage sprechen aber doch für sich. Erleben wir Mainz in seiner besten Phasen?
Es gab wenige bessere Phasen, an die ich mich erinnere. 2010 zum Beispiel, da haben wir einen Bundesliga-Startrekord mit sieben Siegen hingelegt – damals übrigens zu Oktoberfest-Zeiten auch in München gewonnen.
Gerne vergleicht man Mainz mit Freiburg – ist ein Freiburger Weg möglich?
Lange haben die Freiburger uns als Vorbild genommen, momentan haben sie uns ein bisschen überholt. Ich würde uns daher einfach als Brüder im Geiste bezeichnen. Trotzdem haben wir null Konkurrenzdenken: Freiburg freut sich, wenn wir punkten – umgekehrt ist es genauso. Das ist schon ein Club, mit dem wir uns gut vergleichen können. Auch was die Jugendarbeit angeht.
Auch da steht am Wochenende ein wichtiges Spiel an. Das Finale um die A-Jugend-Meisterschaft gegen Dortmund.
Das ist etwas Außergewöhnliches für uns, es ist ja erst das zweite Mal, 2009 ging es auch gegen Dortmund. Momentan sind zehn Spieler aus dem NLZ bei uns im Kader, vier an einen Profi-Verein ausgeliehen. Das ist die nächste Bestätigung für unsere Jugendarbeit. Ich hoffe auf ein Fußballfest – mit richtigem Ende.
Wie damals unter Thomas Tuchel. Wie viel Tuchel steckt 14 Jahre nach diesem Titel noch in Mainz?
Thomas ist 2014 gegangen, das ist neun Jahre her, deswegen steckt in der Mannschaft nicht mehr viel von ihm. Aber Thomas hat diesen Verein mitgeprägt. Unter ihm gab es Highlights, an die sich bis heute jeder Mainzer erinnert. Und auch die Spielweise wurde damals – bei Jürgen Klopp angefangen, von Thomas Tuchel verfeinert – geprägt. Bo Svensson lässt sehr ähnlich spielen. Wir legen den Fokus nicht so sehr auf Ballbesitz, aber wir wollen den Ball erobern – und dann muss die Post abgehen.
Ist Svensson dann eine Art Mini-Tuchel?
Das wird ihm nicht gerecht, genauso wenig, wie es Tuchel nicht gerecht wird, mit Klopp verglichen zu werden. Bo hat das große Glück, dass er unter zwei der drei besten Trainer der Welt trainiert hat –und unglaublich viel aus dieser Zeit mitgenommen hat. Er integriert viel davon, aber ich sehe auch viel Bo Svensson. Er hat nicht den Auftrag bekommen: Bitte werde Thomas Tuchel! Sein Auftrag lautete: Du bist Bo Svensson, bleib Bo Svensson! Du hast Talent, mach was draus!
Auch wenn Sie es besser nicht laut aussprechen: Hat Svensson das Zeug dazu, einen Weg wie Klopp und Tuchel einzuschlagen?
Ich will meinen Trainer nicht über Gebühr interessant machen (lacht). Aber wenn man verfolgt, welche Wege unsere Trainer eingeschlagen haben, erkennt man, dass wir einen recht guten Blick haben. Ich möchte Bo da jetzt keinen Rucksack aufsetzen und sagen: Du musst in drei Jahren die Champions League gewinnen. Aber ich merke, dass das wieder ein außergewöhnlicher Trainer in Mainz ist, der irgendwann von der großen weiten Welt gerufen werden wird. Dagegen können wir uns nicht wehren.
Ist das eine Ihrer besonderen Manager-Qualitäten: Die Ruhe und den Riecher für solche Trainer-Entscheidungen zu haben?
Das hat etwas mit Mut zu tun. Da sagt dann natürlich jeder: Es ist in Mainz auch einfacher, Mut zu haben. Aber da sage ich: Es gibt auch noch andere Vereine, wo das gut gehen würde.
Woher kommt Ihr Mut?
Ich habe sehr schnell festgestellt, dass die Erfahrung eines Trainers nicht so wichtig ist. Wenn man so intelligent ist wie Klopp, Tuchel und Svensson, kann man sehr schnell lernen. Deswegen habe ich immer eher auf das Fachwissen geachtet. Bei Klopp hatte ich ein Gefühl im Bauch, bei Tuchel war ich mir nach einem Jahr U19 zu 100 Prozent sicher – und bei Bo auch. Ich saß in seinem letzten Jahr, als er nicht mehr regelmäßig spielte, neben ihm auf der Ersatzbank, habe erlebt, wie er ein Spiel gesehen und analysiert hat. Da war mir klar: Ich muss ihn überreden, Fußballlehrer – und nicht Schullehrer – zu werden. Das hat geklappt.
Auch Tuchel mussten Sie zu seinem Glück zwingen.
In gewisser Weise schon. Wobei ich inzwischen weiß: Das ist typisch Thomas Tuchel. Als ich ihn zu den Profis holen wollte, habe ich ihn auf dem Rückweg aus dem U19-Trainingslager im Bus erwischt und erwartet, dass er vor Freude durchs Telefon hüpft. Dem war aber nicht so, er wollte das noch mal überdenken und nicht direkt zusagen. Wobei ich im Nachhinein großen Respekt vor diesem Vorhaben habe. Das beschreibt ihn zu 100 Prozent.
Wie viel Mainz steckt noch in ihm?
Da geben Klopp und er dieselbe Antwort: Sie hatten den besten Verein, um sich zu entwickeln, sich zu probieren, ein besserer Trainer zu werden. Wir sind schon stolz, wenn Klopp in Liverpool über seine größten Erfolge redet und dann den Aufstieg mit Mainz angibt. Da merkt man, wie viel Herzblut da noch drin ist. Bei Thomas war das vielleicht direkt nach einem Ende, das nicht geräuschlos über die Bühne ging, anders. Aber ich habe das Gefühl, dass es heute wieder so ist. Das freut mich sehr.
Sie haben dem FC Bayern direkt nach der Verpflichtung gratuliert, der gewünschte Kurzzeit-Erfolg aber hat sich nicht eingestellt.
Ich möchte die ganze Situation bei Bayern nicht bewerten, das steht mir nicht zu. Aber man muss schon sehen, dass Thomas wahrscheinlich gerade mal zehn bis 15 Einheiten mit der gesamten Mannschaft hatte. Alles, was da passiert, hat noch nicht allzu viel mit ihm zu tun.
Es wird also besser?
Wenn Thomas die gesamte Vorbereitung gemacht hat, wird es ab Bundesliga-Start brutal schwer, Bayern überhaupt Punkte abzuknöpfen. Er ist einer der besten Trainer der Welt. Im Moment ist das noch nicht die Mannschaft von Thomas Tuchel. Aber sie wird es werden – und es wird gut werden.
Was erwartet Tuchel am Samstag? Hat der Greenkeeper gut gearbeitet? Zu Mainzer Zeiten hat er auch mal am Rasen gerochen…
Ich habe überlegt, ob wir nochmal Kühe drauf lassen (lacht). Der Rasen ist ja für Bayern wichtiger als für uns.
Also ein Acker?
Natürlich nicht. Ich kann alle beruhigen: Wir haben den Rasen gerade getauscht, Thomas braucht das Lineal nicht mitzubringen. Und er kann sich darauf freuen, warm empfangen zu werden. Alle Mainzer wissen, was wir ihm zu verdanken haben. Dafür muss er kein Volksheld sein wie Kloppo, der 18 Jahre hier war. Trotzdem ist die Wertschätzung für ihn riesengroß.
Zwischenzeitlich hat Eric Maxim Choupo-Moting München mit Toren bestochen. Gibt es eigentlich in Mainz den Spielzug „Choupo“ noch?
Das weiß ich gar nicht. Aber seine Spuren gibt es noch. Ich erinnere mich noch, was Thomas sagte, als wir Choupo damals holten. Zitat: „Dieser Spieler kann alles.“ Und da muss ich ihm bis heute Recht geben. Choupo ist für mich ein perfekter Fußballer. Ich weiß nicht, was er nicht hat. Er ist intelligent, groß, schnell, technisch gut, rechts wie links, ein prima Typ.
Aktuell wird wieder ein Stürmer gesucht. Sind Sie ganz froh, dass Ihr Ludovic Ajorque schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat – und nicht wie Kolo Muani im Bayern-Fokus steht?
Da braucht keiner kommen! Der fühlt sich sehr wohl hier. Wir bauen gerade vieles um ihn herum, das wird auch in der kommenden Saison so sein. Den Anruf kann Oliver Kahn sich sparen (lacht).
Sie haben Kahn schon auf Mallorca getroffen. Wird er sich nach dieser Saison dort für die Mainzer Schützenhilfe bedanken? Sie spielen am 34. Spieltag gegen Dortmund…
Dessen sind wir uns bewusst. Aber ich muss aufpassen, dass mein Freund Aki Watzke jetzt nicht sauer wird. Also ganz diplomatisch: Jeder kann sich sicher sein, dass wir am Samstag alles geben – und auch gege den BVB.
Interview: Hanna Raif