München – 27. April 2022: Tränen in den Augen von Alexander Zverev. 20. April 2023: Sogar ein ganz kurzes Grinsen nach der erneuten München-Blamage. „Vielleicht ist es wie jedes Jahr. In München scheide ich direkt aus und in Rom gewinne ich“, übte sich der Lokalmatador in Galgenhumor.
Für Deutschlands besten Tennisspieler ist zur Routine geworden, was nicht zur Routine werden darf. Bei einem 250er-Turnier, der kleinsten Bühne, auf der ein Star seines Formats überhaupt auftritt, ganz früh zu scheitern. Und die Erklärung lieferte er indirekt gleich selbst: Es ist ein Kopfproblem. Anders kann man es nicht bezeichnen, wenn der gebürtige Hamburger zugibt, in den letzten Jahren schwer mit dem Druck klarzukommen, in Deutschland zu spielen. „Unfassbar nervös“ sei er gewesen bei dem Turnier, das er so oft als eines seiner liebsten bezeichnet hat und bei dem er nicht müde wird zu betonen, wie wohl er sich dort fühlt. 2022 hat er das mit der Nervosität nach seinem Aus gegen Holger Rune übrigens auch schon gesagt. Daran gearbeitet hat er allem Anschein nach nicht.
In einem ersten Reflex klingt das fast befremdlich. Ein Olympiasieger und Grand-Slam-Finalist, der oft sogar ziemlich gut auf den größten Bühnen der Welt gegen die größten Spieler der Welt gespielt hat und wieder spielen will, kriegt die Flatter auf dem Center Court des MTTC Iphitos? Aber die Fakten untermauern die Begründung des 26-Jährigen. Seit 2019 liegt seine Matchbilanz bei den deutschen Turnieren bei acht gewonnenen und acht verlorenen Spielen. Seine Statistik in München, Halle, Hamburg und Stuttgart zwischen 2013 und 2018, also auch in der Zeit, in der er noch nicht diesen Favoritenstatus innehatte, lautet 23 zu zwölf. Die beiden einzigen Titel in Deutschland gewann er 2017 und 2018, beide in München. Der Weltklassespieler, der seit seinem Olympiasieg 2020 die Deutschland-Trainingsjacke gefühlt nicht mehr auszieht, spielt auf deutschem Boden gehemmt – zumindest seit einigen Jahren.
Die kommenden wichtigen Turniere sind ja im Ausland. Gut möglich, dass er dann wieder groß aufspielt. Aber wenn dem Wahlmonegassen die deutschen Turniere so wichtig sind, wie er sagt, könnte er das Druck-Problem ja gezielt angehen. Er hätte es vergangenes Jahr machen können und nun hat er wieder die Chance. Mithilfe eines Mentaltrainers zum Beispiel. Aber daran glaubt er ja nicht, hatte er Anfang der Woche verraten. THOMAS JENSEN