Bayern am Tiefpunkt

von Redaktion

Tabellenführung futsch, Angst vor der „Katastrophe“ – und Kahn in Hochform

VON HANNA RAIF

Mainz – Die Profis in der Kabine hatten die Miene schon gesehen – und ein paar nicht allzu positiv klingende Worte gehört. Aber als die Tür des Spielergangs in den Katakomben der Mainzer Arena aufging, konnte man Oliver Kahn den weiteren Redebedarf ansehen, der sich während des Debakels auf dem Platz angestaut hatte. Eine kurze Absprache, drei entschlossene Schritte, der feste Stand, dann ging es los. 6:47 Minuten Klartext vom Vorstandsboss des FC Bayern – mit eindeutiger Quintessenz: Nach dem 1:3 (1:0) in Mainz und dem Verlust der Tabellenführung ist der seit Wochen wankende Rekordmeister am bisherigen Tiefpunkt angekommen.

„Wer“, sagte der 53-Jährige, ehe er seine Stimme erhob und auch diejenigen, die am weitesten wegstanden, hellhörig wurden: „Ja, wer war denn heute die Mannschaft, die Deutscher Meister werden wollte?“ Er blickte in die Runde, wartete ab, um die Antwort selbst zu geben: „Die hatten zwar auch rote Trikots, aber das war ganz bestimmt nicht unsere Mannschaft.“ Tatsächlich hatte sich das Team von Thomas Tuchel nach der Führung durch Sadio Mané (29.) von den in Rot gekleideten Mainzern, die binnen 14 Minuten durch Ajorque (65.), Barreiro (73.) und Martin (79.) zurückschlugen, regelrecht vorführen lassen – und Kahn stellte fest: „Alles, was den Fußball neben dem reinen Spiel ausmacht, hat unserer Mannschaft gefehlt.“ Von „jedem einzelnen Spieler“ erwartet der Boss an den freien Tagen bis Mittwoch, sich selbst zu fragen: „Was will ich erreichen, wenn ich auf dem Platz bin? Welche Bereitschaft bringe ich mit? Welchen Einsatz bringe ich mit?“ Und er stellte fest, was beim nächsten schockierenden Auftritt offensichtlich war: „Mit so einer Ausstrahlung wird es ganz, ganz schwer, Meister zu werden.“

Vorstandskollege Hasan Salihamidzic hatte sich kurz nach Abpfiff der dritten Niederlage im siebten Spiel unter Tuchel noch als „Frankfurt-Fan“ bezeichnet, die Hoffnung auf einen Eintracht-Sieg bei Borussia Dortmund war aber schon dahin, als der Bayern-Tross in zwei Propeller-Maschinen um kurz nach 20 Uhr am Flughafen Oberpfaffenhofen aufsetzte. Statt mit zwei Punkten Vorsprung geht der Serien-Meister nach dem 4:0 des BVB mit einem Zähler Rückstand in die letzten fünf Partien, und jedem, der in Mainz dabei war, fällt es schwer zu glauben, wie dieser aufgeholt werden soll. „Nicht zu erklären“, das war die Formulierung, die man aus allen Richtungen hörte, Tuchel, die Bosse und Spieler sprachen da unisono. Aber Kahn stellte unmissverständlich klar, dass Ausreden nun, wo tatsächlich eine titellose Saison droht, nicht mehr zählen. Lähmende Unsicherheit nach bitteren Wochen? Kahn: „Wieso Unsicherheit?“ Zu viele Turbulenzen im Umfeld? Kahn: „Was heißt turbulent?“ Die Verantwortung gab der Boss auf den Platz ab, wo „elf Mann stehen, die sich für die Ziele dieses Clubs einfach den Hintern aufreißen müssen. Darum geht’s hier im Fußball – und um nichts anderes.“ Punkt.

Kahn wusste freilich um die Wirkung seiner Worte, sie waren wohlüberlegt. Und sie kommen zu einer Zeit, in der auch der Vorstandsboss immer deutlicher merkt, dass der Gegenwind, der dem gesamten Club entgegenbläst, ihn selbst besonders trifft. Bei der turnusmäßigen Aufsichtsratssitzung am 22. Mai steht alles auf dem Prüfstand. Dass kurz vor dem Anpfiff via BR eine Meldung in die Welt gesetzt wurde, nach der der Chef seinen Vertrag bis 2024 auf jeden Fall erfüllen soll, deckt sich nicht mit Informationen unserer Zeitung nicht. Der Aufsichtsrat hat die Lage genau im Blick, und zwar kritisch. Zwar versicherte Herbert Hainer; „Wir konzentrieren uns jetzt auf den Kampf um die Deutsche Meisterschaft, das wird schwer genug. Über alles andere reden wir dann später.“ Die Unruhe aber ist auch intern stetig steigend. Ein Machtwort schadet da freilich nicht.

Kahn sagte auf eine entsprechende Frage immerhin: „Verantwortung, von mir aus: Verantwortung tragen wir alle.“ Aber er sieht seine Handlungsmöglichkeiten so gut wie ausgeschöpft. „Was haben wir denn jetzt schon alles versucht? Gespräche, Spieler, Systeme, Taktik. Trainerwechsel.“ Trotzdem wurde es schlimmer und schlimmer. Salihamidzic gab zu: „Das war der Tiefpunkt.“ Während die Spieler sich aber laut Kahn vor dem Heimspiel gegen Hertha am Sonntag „schütteln“ und „eine Serie hinlegen“ müssen, gilt es sich für die Bosse erst nach Saisonende, „sich wirklich Fragen zu stellen und in sich zu gehen“.

Bis dahin will man die „Katastrophe“ – so nannte Kahn eine titellose Saison – verhindern.

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