München – Als Holger Rune in die Sieger-Lederhosen gesteckt wurde, konnte er kaum mehr laufen. Humpelnd präsentierte der Däne auf dem Center Court der BMW Open sein Beinkleid.
Auf dem Weg zum Triumph in der Neuauflage des Endspiels von 2022 gegen den Niederländer Botic van de Zandschulp hatte der 19-Jährige nicht nur seinen Knöchel lädiert und vier Matchbälle abgewehrt. 6:4, 1:6, 7:6 (7:3) hieß es am Ende eines Finals, das deutlich ungewöhnlicher war als dänische Waden in Lederhosen. „Wie eine Achterbahnfahrt“, beschrieb es Rune im Nachhinein: „Wenn du so nah dran bist zu verlieren, fühlt es sich danach unglaublich an, zu gewinnen.“ Die Kuriositäten hatten Anfang des zweiten Satzes harmlos begonnen. Rune – bis dahin der überlegene Spieler – moserte, dass er auf einige seiner Schläger warten musste. Er hatte sie weggegeben, um neue Griffbänder aufwickeln zu lassen. Der Weltranglisten-10. ließ sich aus der Ruhe bringen, der zweite Durchgang ging an van de Zandschulp.
Dessen Chance auf seinen ersten ATP-Titel wuchs. Noch mehr, als Rune Anfang des dritten Satzes Schmerzen in der rechten Schulter bekam. 2022 hatte van de Zandschulp noch im ersten Satz wegen Atemnot aufgegeben. Nun schien Rune dieses Schicksal zu drohen. Mehrmals ging er mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Knie. Für eine Weile spielte er mit der Vorhand nur noch Bälle, die so langsam flogen, wie auf der Anlage des MTTC Iphitos sonst wohl nur bei Schnupperkursen.
Doch van de Zandschulp nutzte die Chancen nicht. Zwei Matchbälle vergab er bei 5:2 im dritten Satz und wirkte fortan immer verunsicherter – während Runes Schmerzen augenscheinlich nachließen. „Ich habe mich nicht gut gefühlt und musste an meine Grenze gehen“, sagte er danach. Ein Umknicken mit dem Knöchel bei 4:5 hielt ihn ebenso wenig auf, wie die zwei Matchbälle, die er bei 5:6 noch abwehren musste.
Als die Veranstalter bei der Siegerehrung von einem spannenden Match sprachen, hat das wohl selten so zugetroffen, wie am Sonntag. Glücklich waren die Organisatoren nicht nur mit der Final-Show, sondern auch der Auslastung: An sieben von neun Turniertagen war die Anlage ausverkauft, 43 000 Tickets wurden abgesetzt – ein neuer Rekord. Rune dachte nach dem Erfolg bereits an seine nächsten Ziele: „Um die Titel zu holen, die ich holen will, ist es sehr wichtig, Turniere zu gewinnen und sich dieses Gefühl zu holen.“
Er kündigte an, zu diesem „für mich sehr speziellen Turnier“ zurückkehren zu wollen. Das hat auch Alexander Zverev auf Instagram mitgeteilt: Trotz seines erneut frühen Ausscheidens wolle er 2024 wieder kommen. Zudem wird es wahrscheinlicher, dass bald noch mehr Stars beim Turnier an den Start gehen können. Die Verantwortlichen starten bei der ATP eine Bewerbung, um das Turnier von der 250er-Kategorie in die 500er-Kategorie hochstufen zu lassen. Bei der Siegerehrung versprech Ministerpräsident Markus Söder, dass Bayern bei einer möglichen Erweiterung des Stadions helfen wolle. Und ATP-Präsdent Andrea Gaudenzi deutete bei seinem Besuch mit Hinblick auf die Zukunft des Turniers an: „Wir versuchen unser Bestes.“
Dass werden sicher auch alle zukünftigen Finalisten der BMW Open. Aber ob sie jemals wieder solch ein kurioses Finale zeigen werden?