Wenn selbst der Urbayer kapituliert

von Redaktion

Müller als Sinnbild der Krise, neben den Dauerbrennern Sommer, Goretzka – und Kimmich

Mainz – Die Geschichte wäre eigentlich ziemlich gut gewesen, und zwar in doppelter Hinsicht. Denn das Tor, das Sadio Mané da in Mainz in der 29. Minute geschossen hatte, hätte der Beginn einer neuen Zeitrechnung sein können. Mehr als 500 Minuten waren die Offensivspieler des FC Bayern bekanntlich zuletzt ohne Treffer geblieben, und auch Mané selbst hätte die Rolle des Matchwinners im ersten Spiel nach seiner Suspendierung ziemlich gut in den Kram gepasst. Weil seine Mannschaft in den 61 Minuten danach allerdings in ihre Einzelteile zerfiel – und auch der Senegalese vollkommen abtauchte – sprach am Ende über diesen Treffer: genau niemand.

Im Fokus stand nach dem 1:3, dem nächsten Tiefpunkt, die Frage nach dem „Warum“, auf die keiner eine Antwort fand. „Wir sind auf jeden Fall angeknockt“, sagte etwa Thomas Müller, den man selten so ratlos gesehen hat wie in den Katakomben der Mainzer Arena. Mit trockenem Mund und müden Augen, ohne Wortwitz, dafür gereizt kommentierte der Kapitän das Desaster. „Gelassen“, sagte er schnippisch, „bin ich überhaupt nicht.“ Er wirkte neben dem Platz genau wie in den 90 Minuten auf dem Rasen: Wie einer, der unbedingt will, aber aktuell nicht kann. Es sei „zu viel passiert, wir können keinen Widerstand leisten“.

Wirft man den Blick zurück auf dieses Fußballjahr 2023, hat die Krise der Bayern viele Gesichter. In Mainz schließlich reihte sich auch der sonst so kämpferische Müller mit ein. „Unser Spiel war fehlerhaft heute“, sagte der 33-Jährige und sprach da „vor allem von mir selbst“. Auch Thomas Tuchel, der am Freitag noch alle kommenden Partien zu „Thomas-Müller-Spielen“ erklärt hatte, gab zu: „Es war nicht sein Spiel heute.“ Die „Zielstrebigkeit“ sei dem Coach abgegangen, aber die Mängelliste – ungenaue Pässe, missglückte Abschlüsse, verpatzte Ballannahmen – war leider lang. Vom „schlechtesten Spiels seiner Karriere“ wurde in Mainz getuschelt. Dass allerdings auch die Kollegen hinter, vor und neben Müller teils desaströs agierten, machte die Sache fatal.

Da wäre etwa Yann Sommer, der beim Ausgleich durch Ludovic Ajorque mindestens mitbeteiligt war und – mit ein paar Zentimetern Körpergröße mehr oder aber einem beherzteren Sprung – auch das 3:1 durch Aaron Martin hätte verhindern können. Wieder sah man einen unsicheren Auftritt des Schweizers, der seit Wochen in der Kritik steht. Das vorläufige Erbe von Manuel Neuer anzutreten, ist keine leichte Aufgabe. Aber man hat auch Sommer schon besser halten sehen.

Es fehlt der Rückhalt – genau wie die Stabilität in der Zentrale. Dort, wo Leon Goretzka im Jahr 2023 an genau einem Tor beteiligt war und in Mainz die nächste energielose Leistung zeigte. Dass er sichtlich verärgert war, half genauso wenig wie halbherzige Schussversuche. Und dass sich Joshua Kimmich neben ihm leistungsmäßig anpasste, raubte den Bayern die letzte Hoffnung. Es fehlt an „Chefkontrolle“, sagte Müller. Kein Chipball kam an, die Bälle flogen ins Nichts. Regelrecht panisch blickte Kimmich drein, als er das 1:3 von der Ersatzbank aus ansehen musste. Doch damit nicht genug: Wie der Club am Sonntag mitteilte, hat sich Alphonso Davies eine Muskelbündelverletzung im linken hinteren Oberschenkel zugezogen. „Der Stachel sitzt tief“, gab Müller zu. Drei freie Tage sollen helfen, um sich „abzuschalten und sich aufpäppeln zu lassen“. hlr

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