München – Der Unmut der Fans war im Nah- und Fernverkehr rund um Mainz deutlich zu hören. Der Abpfiff des 1:3 des FC Bayern beim FSV hatte die Krise des gebeutelten Rekordmeisters dramatisiert, und während die Bosse kollektiv nach Antworten suchten, hatten die mitgereisten Anhänger ihr Urteil schon gefällt. Es waren keine schönen Gesänge und auch keine feine Wortwahl, die da laut durch die Tram- und Zugabteile tönten. Aber die Botschaft war simpel zu verstehen: Nicht nur CEO Oliver Kahn steht in der Gunst der Anhänger nicht allzu gut da – auch Sportvorstand Hasan Salihamidzic wird mehr als kritisch hinterfragt. Soweit die Meinung der Basis.
Man hat auch im Umfeld der Säbener Straße in der vergangenen Woche, in der der Druck auf Kahn extern wie intern immer größer wurde, durchaus Fragen zur Personifizierung der Bayern-Krise vernehmen können. Warum steht Kahn derart im Fokus, während über Salihamidzic und sein Schaffen kaum diskutiert wird? Fallen die Versäumnisse, die dem Vereinsboss medial zur Last gelegt werden, nicht zum Großteil in den Verantwortungsbereich des Sportvorstands? Gestützt wurde die These von diversen Umfragen, in denen die Ergebnisse stets dieselben sind. Beispielhaft jene, die im Auftrag von RTL/ntv unter fußballinteressierten Deutschen durchgeführt wurde: Geht es um personelle Konsequenzen, sprechen sich 66 Prozent für eine Entlassung von Salihamidzic aus, während nur 46 Kahns Abgang fordern. Noch drastischere Werte ergab ein BIlD-Voting: Zwölf Prozent gegen Kahn – 59 gegen Salihamidzic. Intern allerdings sieht die Sache doch anders aus.
„Wir müssen uns unterhalten und analysieren – und schauen, wo wir ansetzen“, sagte Salihamidzic in Mainz. Im Moment geht es um kurzfristige Lösungen, es ist aber kein Geheimnis, dass als Konsequenz der größten sportlichen Krise seit Langem auch er langfristig auf dem Prüfstand steht. Zwar verfolgt man – Stand gestern – intern den Plan, bis zur nächsten ordentlichen Aufsichtsratssitzung keine personellen Konsequenzen zu ziehen, spätestens dort aber soll sich jeder Verantwortliche erklären müssen. Bei Kahn wird es vor allem ums große Ganze gehen, um Innen- und Außenwirkung, um eine Vision, während das Wirken von Salihamidzic deutlich begrenzter ist. Der Kader, der da aktuell den dritten Titel zu verspielen droht, ist hauptsächlich sein Werk. Dass alle Entscheidungen von Kahn abgenickt wurden – und das Wort von Brazzo-Befürworter und Kahn-Kritiker Uli Hoeneß im Aufsichtsrat mehr zählt als jedes andere –, sind wichtige Punkte für den 46-Jährigen.
Wie eng Schwarz und Weiß im emotionalen Fußballgeschäft und vor allem bei diesem Club zusammenliegen, muss Salihamidzic gerade am eigenen Leib erfahren. Kein Dreivierteljahr ist es her, dass er für seine Transfer-Coups – allen voran Sadio Mané und Matthijs de Ligt – gefeiert wurde. Jetzt, wo es zählt, offenbart sich eine Mischung aus unsicheren, formschwachen und satten Stars, die als Gefüge nicht funktioniert. Das Versäumnis, die vakante Stelle im Sturm nachzubesetzen, tat Salihamidzic zwar zuletzt als Gemeinschaftsentscheidung mit Julian Nagelsmann ab. Er muss sich diese eklatante Lücke im Kader aber eben so ankreiden lassen wie die Ansammlung an zu vielen ähnlichen Spielertypen in der Offensive. Auch die Unzufriedenheit von Profis wie Ryan Gravenberch und Noussair Mazraoui war abzusehen. Erfahrene Spieler wirken satt, es fehlen Leitwölfe und Vorbilder. Eine ungesunde Mischung, die auch Thomas Tuchel nicht in den Griff bekommt – bei dessen Verpflichtung ebenso Salihamidzic treibende Kraft war. Selbst, wenn man den Zwist mit Hansi Flick und die langfristige Bindung von Nagelsmann als verjährt abtut, hat sich einiges angestaut. Demgegenüber aber steht die Entwicklung als Manager, die positiv gesehen wird.
Es hätte alles gut gehen können, stattdessen ist man „am Tiefpunkt“, wie Salihamidzic in Mainz zugab. Sein Vertrag geht bis 2026. Und es passt auch ganz gut, dass Hoeneß sich, so lehrt die Erfahrung, eher nicht von öffentlichen Strömungen beirren lässt – und keine Züge rund um Mainz benutzt.