München – Die Bayern stecken in der Krise. Nach dem 1:3 in Mainz ist mit der Meisterschaft nun auch die letzte verbleibende Titelchance in dieser Saison in Gefahr. Aber woran liegt es, dass die Münchner Stars ihr Potenzial seit Wochen nicht auf den Platz bringen können? Sportpsychologe Matthias Herzog erklärt seine Sicht der Dinge.
Herr Herzog, theoretisch müssten die Bayern viel besser spielen. Warum klappt das in der Praxis nicht?
Herzog: Zu 100 Prozent haben die Bayern ein Kopfproblem. Anders ist die aktuelle Entwicklung nicht zu erklären. Alles fing an mit der Entlassung von Julian Nagelsmann. Da zerbrach die Mannschaft schon in zwei Lager: Auf der einen Seite Spieler, die dem Trainer öffentlich nachtrauerten und damit die Entscheidung des Vorstands um Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic in Frage stellten. Auf der anderen Seite Spieler, die sich auf Thomas Tuchel gefreut hatten. Schon hast du kein Team mehr auf dem Platz. Das schlägt auf die Stimmung und Leistung.
Warum ist kein Trainereffekt zu spüren?
Beim Trainerwechsel sprachen alle nur von der Art, wie Nagelsmann abgesägt wurde und weniger über die Qualitäten von Tuchel. Damit verpuffte der Wechsel schon einmal fürs Erste. Vor dem Spiel gegen Dortmund hatte Tuchel ja nicht wirklich mit den Bayern trainiert. Die Partie hätten die Münchner auch ohne Trainer gewonnen. Dann ging das Pokalspiel gegen Freiburg verloren und der Effekt des Trainerwechsels war endgültig verflogen. Übrigens zeigen Studien, dass es genügend Trainerwechsel gibt, die nicht funktioniert haben. Heißt: Er hat nicht automatisch positive Auswirkungen. Und bei den ganzen Baustellen, die der Trainerwechsel verursacht hat – Art und Weise der Entlassung von Julian, Lagerbildung bei Spielern, neuer Trainer vor den wichtigsten Spielen der Saison, der neue Ideen und Führung reinbringt –, waren die Weichen für einen verpatzten Tuchel-Auftakt gestellt.
Tuchel sprach nach dem 1:3 in Mainz davon, dass das Team ausgelaugt wirke, „wie eine Mannschaft, die schon 70, 80 Spiele in den Knochen hat“.
Wenn du in zwei Wettbewerben raus bist und nur noch die elfte Meisterschaft in Folge möglich ist, bist du vom Kopf leer und das wirkt sich auch auf die körperliche Leistungsfähigkeit aus. In einem Zustand von Angst, die nach dem Ausgleich gegen Mainz spürbar war, kannst du nur teilweise noch 60 Prozent deiner Leistungsfähigkeit abrufen. Und schon sieht es so aus, als wenn die Spieler erschöpft wären. Mainz dagegen ist dann über sich hinausgewachsen und hat sich innerhalb von Minuten in einen Flow-Zustand gespielt. Da sieht dann eine mit Weltklassespielern gespickte Mannschaft wie Bayern plötzlich aus wie ein Amateurclub.
Liegt es an der Mentalität?
Ganz ehrlich: Die Spieler sind satt! Für ein Double oder Triple hätten sie sich noch motivieren können. Wen interessiert noch die elfte Meisterschaft in Folge? Dafür kann sich kaum noch ein Spieler motivieren. Die arrivierten Stars sammeln seit Jahren Meistertitel wie andere Briefmarken. Und die neuen Spieler, die noch Lust haben, Meister zu werden, kommen gar nicht oder kaum zu Einsatz. Und wenn sie zum Einsatz kommen, lassen sie sich von den anderen runterziehen. Ein fauler Apfel in einem Obstkorb steckt die anderen an. So ist es leider auch auf dem Fußballplatz, wenn die Spieler das nicht selbst unterbinden und durch positive Kommunikation stoppen. Ich vermisse seit Jahren den klaren Leader im Team.
Mit Manuel Neuer als Kapitän haben die Bayern aber alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt.
Das stimmt. Aber auch er war niemals wirklich Wortführer. Dazu kommt sein egoistisches und fahrlässiges Verhalten beim Skiausflug, bei dem er die Mannschaft im Stich gelassen hat. Das war ein No-Go. Kimmich ist aus meiner Sicht aktuell zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Und Müller hat auch nicht mehr die Spritzigkeit und den Elan von früher – auf dem Platz wie in Interviews. Gerade in Interviews hat er seinen Wortwitz, seine Freude verloren und wirkt schnell zickig und angefressen. Auch Gnabry, Mané, Sané und einige Ersatzspieler sind mehr mit sich und ihren Ego-Trips beschäftigt, anstatt mannschaftsdienlich zu agieren.
Wirkt die Mannschaft auf Sie wie ein eingeschworener Haufen?
Bayern ist aktuell ein Haufen von Egomanen. Die denken sich gerade: „Jeder denkt an sich, nur ich denke an mich. Und wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“
Nach der Pleite in Mainz knöpfte sich Kahn die Stars vor. Sind nur die Spieler Schuld an der Krise?
Der Fisch stinkt immer vom Kopf. Schauen Sie sich Kahn und Salihamidzic an. Die Art der Kommunikation ist bei beiden mangelhaft. Und Hainer ist auch nicht als Kommunikator bekannt. Allein die Aussage von Kahn, er habe keine Mannschaft gesehen, die Meister werden wolle, war mehr als kontraproduktiv nach dem Mainz-Spiel. Gerade Kahn und Salihamidzic suchen die Schuldigen gerne woanders. Mal ist es Nagelsmann, dann die Mannschaft. Wenn sie endlich mal anfangen würden, eigene Fehler einzugestehen und sich dafür entschuldigen, hätten sie eine Chance, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Aber solange das nicht passiert, sind die Herrschaften fehl am Platz. Da wären die Bayern mit einem Uli Hoeneß besser dran. Dennoch dürfen sich die Spieler an die eigene Nase fassen.
Was brauchen die Stars jetzt: eine harte Hand oder noch mehr Einfühlungsvermögen?
Den Spielern jetzt drei Tage frei gegeben zu haben, verstehe ich nicht. Die sind auf sich gestellt, haben keine Unterstützung. Da ist Kopfkino vorprogrammiert, gerade bei den jüngeren, die solche Situationen nicht kennen. Die sind damit überfordert. Umso wichtiger ist es jetzt, den Teamgeist zu fördern und die Mannschaft nicht über den möglichen elften Meistertitel zu motivieren, sondern darüber, wie sie die letzten Spiele spielerisch gestalten sollten und wieder mit Freude ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen – dem Fußball. Der Meistertitel darf gar kein Thema sein. Der ist uninteressant. Je mehr der Meistertitel weiter Thema ist, desto weiter entfernt sich die Mannschaft davon. Auch der Trainerwechsel gehört in Einzelgesprächen aufgearbeitet. Tuchel wäre da mehr als Psychologe gefordert gewesen und weniger als Trainer. Wenn die Spieler wieder vom Kopf her frei sind, wieder Bock auf Fußball haben und als Team agieren, spielen sie wieder alle an die Wand.
Interview: Philipp Kessler