Erst die Party, dann der Umbau

von Redaktion

Trotz des Erfolgs soll Münchens Eishockey-Team einen neuen Input erhalten

VON GÜNTER KLEIN

München – Am Ende ist ja immer alles gut mit so einer Meisterschaft. Es ziehen sich zur Zeremonie sogar die um, die zuletzt, da überzählig, keinen Platz im Kader gefunden hatten, es strahlen auch die Spieler, die wie Frederik Tiffels sich mit einer kleineren Rolle im Teamgefüge hatten bescheiden müssen. Und es bekommt selbst der dritte Torwart seinen Moment mit dem Pokal. Die Mannschaft zieht sich irgendwann vom Eis zurück in die Kabine, die von Family and Friends geflutet wird. Nach 74 DEL-Spielen wird gebrüllt, getrunken, geraucht, und noch für die kommenden Tage surfen die Beteiligten auf einer Welle der Glückseligkeit.

„Es ist immer schön, wenn man ins Finale kommt“, sagt Christian Winkler, der das Red-Bull-Eishockey in München und Salzburg verantwortet, „aber es ist ein wahnsinniger mentaler Stress. Es waren ein paar kurze Nächte dabei.“ Bei ihm eine weitgehend sogar schlaflose, als es in der Halbfinalserie gegen Wolfsburg 3:3 stand. Da wurde Winkler zu Hause in Mittenwald von seiner Ehefrau mit dem Satz empfangen: „Vielleicht hat die Wahrsagerin ja doch Recht.“ Für Magentasport hatte eine Münchner Hellseherin ein Finale Ingolstadt – Wolfsburg und den ERC Ingolstadt als Meister vorhergesagt. Im emotionalen Treiben der Playoffs wird man dann halt auch anfällig für esoterisches Gedöns.

Einerseits war der EHC auf die vierte Meisterschaft vorbereitet. Den eigenen Kader hatte man aufgepimpt und nebenbei den Hauptrivalen Berlin geschwächt, weil man ihm Tormann Mathias Niederberger wegnahm. Die souverän bestrittene Hauptrunde mit 19 Punkten Vorsprung auf Ingolstadt bestätigte die Münchner Personalpolitik. Dennoch kam der EHC in den Playoffs seinen Grenzen nahe – und in bedenkliche Situationen: 0:2-Serienrückstand gegen Bremerhaven im Viertel-, 1:2 und 3:3 im Halbfinale gegen Wolfsburg. Einige Male sank die Stimmung in der EHC-Kabine ab, und auch die Finalserie war nicht so eindeutig, wie es 18:7 Tore vermuten ließen. Drei Münchner Treffer waren Empty-Netter, als die Ingolstädter den Torhüter herausnahmen, nur eines der fünf Spiele war eine klare Angelegenheit (7:1). „Wenn man der Favorit ist, ist es nie einfach“, sagt Mathias Niederberger, „alle Mannschaften sind auf uns abgestimmt, sie verteidigen mit Mann und Maus und haben sehr gute Torhüter.“ So schafften es die Bremerhavener, Wolfsburger und Ingolstädter, alle deutlich weniger spektakulär besetzt, den EHC „ans Limit zu treiben“, wie Christian Winkler einräumt.

Seit fast zwanzig Jahren arbeitet Don Jackson als Trainer in Deutschland, seit 2014 in München, und seitdem von jedem Spiel alles erdenkliche Bildmaterial verfügbar ist, gibt es keine Geheimnisse mehr – auch das Spielsystem des EHC ist ausgeleuchtet. Am Ende setzte sich München dank der Tiefe seines Kaders mit den scheibensichersten Spielern der Liga und aufgrund der Klasse von Torhüter Niederberger durch – doch hatte angreifbar gewirkt, weil es keine Variante bieten kann, sondern immer nur eine Steigerung in der Intensität des Forecheckings und eine noch strengere Exekution. Don Jackson genießt in der Mannschaft breite Wertschätzung, die Mathias Niederberger so formuliert: „Don hat auf der Eishockeyseite eine wahnsinnige Erfahrung. Auf der persönlichen, und das ist mir noch wichtiger, ist er ein tadelloser Mensch.“ Doch es gibt auch leise Stimmen, dass ein neuer Input hilfreich wäre.

Deshalb kann sich in den nächsten Tagen das Szenario bestätigen, dass ein supererfolgreicher Don Jackson mit 66 Jahren und nach neun Titeln aufhört und der freie Ex-Bundestrainer Toni Söderholm (45) übernimmt. Der EHC muss sich weiterentwickeln, wachsen – 2024 zieht er in die neue Halle um. Die personelle Strategie zeichnet sich ab: Man will einen starken deutschen Kern – mit (National-)Spielern, die auch das Umland anziehen. Wie die bereits feststehenden Zugänge Dominik Bittner (der Weilheimer kommt aus Wolfsburg), Nico Krämmer (Landshut/Mannheim) und Markus Eisenschmid (Marktoberdorf/Mannheim). Spieler, die gehen: Justin Schütz (Köln), Emil Johansson (Finnland), Danny Aus den Birken (Vertrag läuft aus). Auch einige der Import-Spieler sind Mittdreißiger. Aber jetzt feiern alle erst noch mal. Titel – und dann Abschied.

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