Der Meistertrainer, der Mensch blieb

von Redaktion

Don Jackson beendet seine Karriere an der Bande – er wird Trainer-Entwickler bei Red Bull

VON GÜNTER KLEIN UND PATRICK REICHELT

München – Neun Deutsche Eishockey-Meisterschaften hat der Trainer Don Jackson gewonnen, und nach jeder ist er gefragt worden, was diese eine denn besonders mache. Emotional seien sie alle gewesen, sagt Jackson. „Sie unterscheiden sich aber durch die Playoffs“. Also den Weg dorthin. Er hat da die verrücktesten Sachen erlebt – als er die Eisbären Berlin mal fast ein Drittel ohne Torhüter spielen ließ, 2012 in der Finalserie gegen Mannheim, um die drohende Niederlage abzuwenden; es gelang. Und er hatte Playoffs, die entspannt verliefen, wie 2016 und 17 mit München, als, in allen drei Runden zusammengerechnet, nur zwei Partien abgegeben wurden. Die Playoffs 2023 waren relativ aufreibend – und die Neuerung bei Don Jackson, dass Augen und Wangen am Ende feucht schimmerten.

Das taten sie auch am Freitag. Weil er eine Entscheidung getroffen hat. Das war‘s mit dem Leben an der Bande. Der Verein hatte ihm bis zuletzt seinen Vertrag mit Blanko-Charakter offen gehalten. Doch Jackson entschied: Schluss mit Coaching. „Es ist Zeit, die Entscheidung war einfach für mich. Auch wenn der Moment jetzt emotional ist“, sagte er. Münchens Sportchef Christian Winkler, Jacksons Dauer-Wegbegleiter in neun Jahren EHC, wird zumindest bei Letzterem nicht widersprechen. „Einen so tollen Trainer und so großartigen Menschen wirst du nicht mehr finden“, sagte Winkler ebenfalls schwer angegriffen.

Immerhin: Es wird kein Abschied für immer. Beratender Freund soll der scheidende Meistermacher ohnehin bleiben. „Ich werde ihn regelmäßig nerven“, kündigte Winkler an. Doch Don Jackson wird Red Bull auch offiziell erhalten bleiben. Man hat eine Stelle für ihn geschaffen, er wird sich der Entwicklung der Trainer unter dem Dach der Organisation annehmen. Winkler ahnt schon jetzt: „Sie werden ihn umschwärmen.“

Klar ist: Meister-Kapazität haben in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) nur wenige Standorte, und ein Trainer muss sich eine Reputation erst erarbeiten, ehe er ins Blickfeld der Großen gerät. Dafür muss er es lange aushalten in der DEL. Im Herbst 2022 feierte Jackson sein 1000. DEL-Spiel, da wurden Berufskollegen zu Fanboys. Der damalige Augsburger Trainer Peter Russell, ein Neuling in der Liga, nahm eine 0:6-Klatsche entgegen und himmelte Don Jackson an: „1000 Spiele als Trainer in einer Liga – für mich unvorstellbar, auf diese Zahl zu kommen, als Spieler und Trainer und in verschiedenen Ligen.“

Dabei hatte Jackson die DEL nie auf dem Zettel, er führte ein typisches nordamerikanisches Eishockeyleben. Als Spieler war er ein sehr robuster Verteidiger in der NHL, bei den Edmonton Oilers sollte er aufpassen, dass niemand Superstar Wayne Gretzky Leid zufüge. Gretzky, „The Great One“, war seine Inspiration, ihm imponierte der Erfolgshunger des besten Spielers, den es je gab. Jackson schoss nicht viele Tore, „aber wer kann schon sagen, dass sein erstes von Wayne Gretzky vorbereitet wurde?“ Bei ihm war das so, 1984 und 85 gehörte er zum legendären Team, das den Stanley Cup gewann. Die Spieler- ging in die Trainerlaufbahn über, Jackson tauchte wieder in der NHL auf – als Co-Trainer.

Bis es 2004 auf einmal nichts zu tun gab. In der NHL brach ein Arbeitskampf aus zwischen Spielergewerkschaft und Clubbesitzern, es wurde gestreikt und ausgesperrt. Don Jackson reiste nach Europa, denn dort wurde gespielt. Er schaute sich in Budapest ein Turnier von Nationalmannschaften an, ging in den Presseraum und fragte Journalisten aus Berlin, ob sie einen Tipp für ihn hätten. Er würde auch gratis arbeiten. Der Kanadier Pierre Page, der die Eisbären Berlin trainierte, nahm Jackson als Consultant. Wie die Karriere wohl ohne den Arbeitskampf verlaufen wäre? Jackson quittiert es mit dem Don-Jackson-Lächeln: „Das ist eine gute Frage.“

Er war ins Karussell eingestiegen. Erster bezahlter Job in der DEL: zwei Jahre Düsseldorfer EG (2005 bis 07), sechs Jahre Berlin als Page-Nachfolger, fünf Titel. 2013 lockte Geschäftsführer René Dimter ihn zu Red Bull, zunächst Salzburg. Nach einer Saison bat der Konzern ihn, München zu übernehmen. Dort hatte Pierre Page in einer Saison viel Unheil angerichtet. Nach zwei Jahren hatte Jackson die Münchner auf Kurs: Sie wurden erstmals Meister, zwei weitere Titel folgten unmittelbar. Seine Nummer sechs, sieben, acht. Und nach fünf Jahren die Neun.

War der unbestritten erfolgreichste Trainer der DEL auch ihr bester? Oder müsste man die Arbeit anderer Coaches, deren Mannschaften nicht so glänzend ausgestattet sind, höher bewerten? Diese Diskussion wird in der DEL schon länger geführt. Pavel Gross (Wolfsburg, Mannheim), Tom Pokel (Bozen, Straubing), Mike Stewart (Augsburg und Wolfsburg) und DEL-Neuling Mark French (Ingolstadt) stellten ihn vor Probleme – aufhalten konnten sie ihn nur selten.

Jackson selbst spielte aber immer herunter, welchen Einfluss er auf seine Mannschaft nimmt. „Ich bekomme nicht alles mit, was in der Kabine geschieht“, sagt er. In der Tat befindet sich in der Münchner Eishalle das Trainerbüro auf der anderen Seite. Jackson vertraute stets darauf, dass sich im „Room“ eine klare Hierarchie bildete. „Jede Saison beginnt damit, dass man eine Gruppe von Spielern hat.“ Jackson übertrug die Verantwortung den Älteren, bei denen er die Qualität des „Leadership“ ausmachte. Ihm wurde nachgesagt, dass er den Spielern aus Nordamerika näherstünde, doch die letzten Jahre in München haben diesen Eindruck aufgeweicht. Sein wichtigster Ansprechpartner war Patrick Hager – „eine der größten Führungspersönlichkeiten, mit denen ich gearbeitet habe“. Hatte es 2014/15 mit Dominik Kahun noch geknatscht, so holte er zuletzt immer wieder bereitwillig Nachwuchs aus der Red-Bull-Akademie. Zuletzt durfte sich mit Filip Varejcka (22) ein gebürtiger Münchner Richtung Nationalmannschaft spielen.

Von der täglichen Arbeit im Eishockey rückt Don Jackson nun ab. Er will mehr Familienmensch sein. Anfang 2020 hatte er, weil seine Frau Nancy sich daheim in Kansas von einer Operation erholen musste, eine klare Priorität gesetzt: Er kümmerte sich um sie, in München mussten zwischenzeitlich die Co-Trainer übernehmen. Er hat eine Tochter, Liza (30), auf die er stolz ist, weil sie auf der Eishockey-Statistikplattform „Eliteprospects“ ein Profil hat – mit einem Spiel 2008/09 für die Eisladies Berlin. Er hat zwei Enkelsöhne, die er viel zu selten sieht. Wenn er in den nächsten Tagen zu Hause ankomme, so sagt Jackson Augenzwinkernd, „dann werde ich als Erstes mit den beiden in den Park gehen – dann küsse ich meine Frau.“

Das erzählt viel über Don Jackson, den Meistertrainer, einen meist leisen Menschen voller Respekt.

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