München – Teil zwei unseres Interviews mit Günther Gorenzel (51). Der Sportchef des TSV 1860 spricht über die Kaderplanung für die nächste Saison und verrät, was ihm und allen Löwen-Fans Hoffnung machen sollte, dass die Sechziger 2024 in der 3. Liga oben mitspielen.
Jacobacci scheint sehr viel Wert auf Spielerpersönlichkeiten zu legen, Stichwort „Winner-Mentalität“. Was planen Sie, damit diese Gewichtung beim Neuaufbau des Kaders vielleicht besser passt?
Zunächst ist es mir wichtig zu betonen, dass Michael Köllner zweieinhalb Jahre lang sehr gute Arbeit abgeliefert hat. Es ist ja nicht so, dass wir mit Bomben und Granaten in den Vorjahren gescheitert sind. Wir sind zweimal mit einer spielerisch orientierten Mannschaft um wenige Punkte am Aufstieg vorbeigeschrammt. Nur in dieser Saison hat es nicht konstant genug funktioniert. Mit Maurizio sind wir uns einig, dass die zukünftige Mannschaft eine klarere Hierarchie haben muss – und dass mehr Spieler mit Ecken und Kanten auf dem Platz stehen müssen.
Stimmt es, dass das Sportbudget stark reduziert wird? Die Rede ist von fast zwei Millionen Euro weniger …
Es entspricht nicht meiner Haltung, Budgets zu kommentieren. Meine Haltung ist es, alles dafür zu tun, um aus den bestehenden Umständen und Möglichkeiten das Optimale in den Planungen in und um die Mannschaft herauszuholen. So gehe ich tagtäglich an die Prozesse heran.
Welchen Handlungsspielraum haben Sie eigentlich generell bei Personalentscheidungen? Was können und dürfen Sie allein entscheiden?
Sportlich, was im Rahmen dieses Budgets passiert.
Es heißt, Yannick Deichmann und auch Marius Wörl wollen vor allem eine klare sportliche Perspektive aufgezeigt bekommen. Können Sie diese überhaupt bieten?
Auch bei Marius werde ich den Teufel tun und eine Wasserstandsmeldung abgeben. Bleibt er, bleibt er nicht? Ich kann dazu nur sagen, dass wir alles tun, um ihm persönlich eine Perspektive aufzuzeigen. Was der Verein vorhat, wie seine Rolle sein kann – all das ist mindestens genauso wichtig wie die Gesamtperspektive. Wir tauschen uns aus, schon länger – und dann wird man sehen, wie die Dinge ausgehen. Was man aber losgelöst von Yannick und Marius sehen sollte: Wir haben es geschafft, Leandro Morgalla zu binden, Niki Lang und Michael Glück, von dem ich sehr, sehr viel halte. Es ist mitnichten so, dass hier alles zusammenbricht.
Wie viel Hoffnung können Sie den Fans machen, dass Morgalla zumindest noch eine Saison bleibt?
Was ich mitteilen kann, ist meine sportliche Einschätzung. Ich bin der absoluten Überzeugung, dass es Leo guttun wird, wenn er noch 30, 40 Spiele stabil bei uns macht. Danach wird man sehen, wohin die Reise geht. Er hat die erste komplette Saison durchgespielt, und es gibt kaum Spieler im gesamten Kader, die keine Formschwankungen hatten.
Ein anderer Publikumsliebling ist Joseph Boyamba, der unter Jacobacci nach Monaten der Nichtberücksichtigung aufblüht. Aus dem Umfeld des Spielers ist überraschend zu hören, dass kein konkretes Angebot zur Vertragsverlängerung vorliegt. Wie kann das sein?
Ich kann das definitiv dementieren. Ich führe intensivste Gespräche mit seinem Berater, aber nicht nur über die vertragliche Situation, sondern generell über Joe Boyamba. Grundsätzlich gilt: Ich muss die Dinge mit kühlem Kopf bewerten, darf mich nicht von Emotionen leiten lassen. Ich verstehe die Fans: Joe hat zwei spektakuläre Tore gegen Osnabrück geschossen. Ich betrachte aber bei jedem Spieler 38 Spieltage.
Steuert 1860 auf eine Saison im Mittelmaß zu, oder gibt es einen Strohhalm, an den sich die Fans klammern dürfen? Was macht Ihnen selbst Hoffnung auf sportlich bessere Zeiten?
Man muss sich doch nur noch den Bestandskader ansehen… Ich mache es bewusst so, dass niemals auf einer Position beide Verträge auslaufen. So hast du das Heft des Handels immer in der Hand. Laufen zwei Stoßstürmer aus, zwei Torhüter oder zwei Innenverteidiger, kommst du als Verein in eine Drucksituation. Meine Meinung ist, dass wir zum Zeitpunkt Ende April sehr ordentlich dastehen – alles Weitere wird man in den nächsten Wochen sehen. Und final können wir die Dinge ohnehin erst bewerten, wenn die Kaderplanungen aller Drittligavereine abgeschlossen sind.
Und es ist kein Problem für Sie, bei Misserfolgen als Sündenbock herzuhalten?
Ich habe ein hohes Verantwortungsbewusstsein – aus diesem heraus agiere ich täglich, der Mannschaft, den Mitarbeitern und dem Verein gegenüber. Wenn ich mich mit diesen Dingen beschäftigen würde, wäre ich schon längst nicht mehr hier.
Interview: Uli Kellner