Bei Söderholm gibt’s für die Spieler Saures

von Redaktion

Der neue Trainer des EHC München im Vergleich zu seinem großen Vorgänger – Überraschungen vs Routine

VON GÜNTER KLEIN

München – Seit 1. Mai ist es offiziell, dass beim EHC München Toni Söderholm als Cheftrainer auf Don Jackson folgt. Die größtmögliche Lösung, die für den Deutschen Eishockey-Meister zu haben war. Und da der 45-jährige Finne seine Geschichte im Verein hat, unter dem 66-jährigen US-Amerikaner Spieler und Co-Trainer war, gilt er auch als logische Lösung. Dennoch ist Söderholm alles andere als ein Jackson-Klon. Die beiden Persönlichkeiten im Vergleich:

Vorgeschichte als Spieler: Jackson bewegte sich zu seiner aktiven Zeit in den 80er-Jahren ausschließlich im nordamerikanischen Eishockey-Kosmos, der wenige Bilder lieferte, aber von Mythen umrankt war. Don Jackson war bei den Edmonton Oilers, einem mit Superstars wie Wayne Gretzky, Mark Messier oder Jari Kurri bestückten Team, ein fürs Grobe zuständiger Verteidiger. Söderholm versuchte als Junior und im Studentenalter, im US-Hockey Fuß zu fassen, schaffte es aber nicht übers College hinaus und spielte in Europa (Finnland, Schweden, Schweiz, letzte Saison der Karriere in München). Typ offensiver Verteidiger. Dreimal bei einer WM, einmal Vizeweltmeister.

Reputation als Trainer: Bei beiden hoch im Moment, in dem sie in München übernehmen. Jackson (kam 2014) galt dank seiner fünf Meisterschaften in sechs Jahren mit Berlin (2007 bis 13) als Midas der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Söderholm warb für sich mit seiner Arbeit als Bundestrainer (2019 bis 23): einmal Halb-, zweimal Viertelfinale bei Weltmeisterschaften. 2022 punktbestes Vorrundenabschneiden der deutschen WM-Geschichte. Hans Zach, Alt-Bundestrainer und häufig beim EHC München zu Gast, lobte Söderholm als „Glücksfall für das deutsche Eishockey“. Dass Söderholm beim SC Bern nur wenige Monate tätig war, sagt wenig aus über sein Leistungsvermögen als Trainer. Der wirtschaftlich starke Schweizer Club kommt aus einem sportlich tiefen Tal, wechselte munter Sportdirektoren und Trainer. Auch Söderholm fand bei seinem im November begonnenen Einsatz eine Mannschaft vor, die nicht seine, sondern die des Vorgängers war.

Spielstil und Taktik: Mit seinem Vorgänger in Berlin und München, Pierre Page, teilt Don Jackson die Abneigung gegen das „Trap“-System, mit dem sich schwächere Teams häufig einer gegnerischen Übermacht erwehren, indem sie das Spiel in der neutralen Zone zur Stagnation bringen, für die Zukunft der DEL wünscht er sich „ein laufintensiveres und offeneres Spiel“. Jackson ließ stets offensiv spielen, der EHC betrieb ein auch im europäischen Vergleich auffälliges aggressives Forechecking. Söderholm kommt aus Finnland, einer Eishockey-Kultur, in der die „Trap“ (Falle) in den 90er-Jahren ihre Blüte erfuhr, doch auch er steht für offensive Ausrichtung. Die deutsche Nationalmannschaft erlebte unter ihm eine spielerische Weiterentwicklung gegenüber der sehr erfolgreichen Marco-Sturm-Zeit. Im eigenen Drittel und unter Bedrängnis sollte die Scheibe nicht rausgedroschen werden, sondern ein strukturierter Spielaufbau stattfinden.

Trainingsarbeit: Wurde unter Jackson als zeitgemäß gelobt. Die Umfänge waren überschaubar, was den älteren Spielern aus Nordamerika entgegenkam. Söderholm wird wohl etwas mehr verlangen, als Bundestrainer störte er sich, so ein DEL-Manager, der ihn gut kennt, an der Ambitionslosigkeit und dem mangelnden Fleiß mancher Nationalspieler.

Rhetorik und Medienarbeit: Don Jackson war es oft genug selbst peinlich, dass er nach fast zwanzig Jahren im deutschen Sprachraum sich immer wieder auf das vertraute Englisch zurückziehen musste – innerhalb der Mannschaft kein Problem, in der Außenwirkung aber schon. Jackson lieferte keine bleibenden Zitate, für ihn ging das Leben immer nur „game by game“. Toni Söderholm hingegen spricht brillant Deutsch, er hat eine Basis aus Kinderferienzeiten, die er in München verbrachte. Der Finne verfügt über einen üppigen Wortschatz, beherrscht Sprachbilder und wirkt fast schon philosophisch. Es wird rund um den EHC München sehr griffige Traineraussagen geben. Allerdings: Man merkt Söderholm an, wenn er angespannt ist – wie bei der wegen der Corona-Einschränkungen komplizierten WM 2021 in Riga. Alles lief gut, dennoch wirkte er da genervt. Don Jackson war in der PR-Arbeit zurückhaltend, aber gleichmütig.

Menschenführung: Don Jacksons größtes Plus. Kaum ein ehemaliger Spieler, der nachtrat (Ausnahme: Steve Pinizzotto, von 2015 bis 18 da), fast alle betonten die feine Art Jacksons, nie sich selbst, sondern immer seine Mitarbeiter und die Mannschaft in den Vordergrund zu stellen. Seine Motivationsansprachen, in denen er dann mal von seinen Erlebnissen erzählte, setzte er reduziert ein, sodass sie nie ihre Wirkung verloren. Mit Jackson zu tun zu haben, war für die Spieler angenehme Routine. Toni Söderholm versteht sich ebenfalls als Trainer-Teamarbeiter, fordert die Spieler aber mit Humor und einem Schuss Unberechenbarkeit und Psycho-Spielchen. Bei der Nationalmannschaft etwa ging er mit einer Tüte Süßigkeiten durch die Kabine – doch es waren einige sehr saure Teilchen versteckt. Er achtete dann darauf, wie die Spieler reagierten. „Toni ist ein hochintelligenter Mann“, sagte der langjährige Nationalspieler Felix Schütz.

Beziehung zueinander: Don Jackson zählte bei seinem Abschied die Kollegen auf, mit denen er in der DEL zusammenarbeitete. Er versicherte, „von allen etwas gelernt zu haben und dankbar zu sein“. Söderholm kam in dieser Aufzählung relativ spät dran. Sicher war Jackson mit Steve Walker, den er in Berlin als Spieler und in München vier Jahre als Co-Trainer hatte, enger.

Fazit: Mit Toni Söderholm geht der EHC München kein großes Risiko – setzt aber durchaus den gewünschten neuen Reiz.

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