San Francisco – Irgendwann wird die Zeit der anderen kommen. Irgendwann wird selbst LeBron James, 38 Jahre jung, zu alt sein für Heldentaten in der NBA. Irgendwann wird selbst die Dynastie von Stephen Curry und seinen Golden State Warriors, vier Mal Meister, zerbröckeln. Aber diese Zeit ist noch nicht jetzt. Die beiden Markenbotschafter der Basketballliga treffen zum fünften Mal in den Playoffs aufeinander. „Das ist die beste Rivalität dieser Generation“, verdeutlicht Darvin Ham, der Trainer der Los Angeles Lakers, LeBron James’ aktueller Verein.
Ihre Großeltern hatten Bill Russell gegen Wilt Chamberlain, ihre Eltern Magic Johnson gegen Larry Bird. Nun stehen sich die einflussreichsten Stars des 21. Jahrhunderts im Viertelfinale gegenüber. Warriors gegen Lakers, Curry gegen James – mehr geht nicht im US-Basketball.
Man sah die Hysterie in den Staaten schon in der ersten Runde hoch köcheln, als der Clash der Titanen von Spiel zu Spiel immer wahrscheinlicher wurde. Der Fernsehsender ESPN verkündete nach dem entscheidenden Duell von Curry und den Warriors gegen Sacramento einen Quotenrekord. Seit der Sportsender überträgt, immerhin mehr als 20 Jahre, sahen nie mehr Menschen ein Erstrundenspiel. Die letzte Partie der Lakers gegen Memphis schaffte es noch auf Rang drei der ewigen Rangliste. Nach allem, was man sagen kann, wird das Viertelfinale wieder sämtliche Rekorde sprengen. Bill Simmons, der bekannteste Basketball-Podcaster des Landes, hat vorsorglich schon einmal das „größte Courtside-Killing aller Zeiten“ außerhalb der Finalspiele angekündigt. Was das bedeutet: Stars und Sternchen, Schauspieler, Musiker, Milliardäre, werden sich gegenseitig überbieten, zigtausende Dollar zahlen, um einen Platz in der ersten Reihe zu ersteigern. Nach über einem Jahr Pause wurde selbst Oscar-Preisträger Jack Nicholson, ein Superfan der Lakers, wieder im Stadion gesichtet. Und das alles wegen Curry und James, die das natürliche Verfallsdatum für Basketballstars um einige Jahre nach hinten gesetzt haben. Zu den weniger bekannten Fakten ihrer Karrieren, die so unterschiedlich verliefen, gehört, dass sie am selben Ort begannen: auf der Geburtenstation des General Medical Center in Akron im Bundesstaat Ohio. Bei über 6000 Krankenhäusern in den Staaten ist das schon ein verdammt witziger Zufall. Im Gegensatz zu manch hedonistisch veranlagtem Star haben die beiden alles getan, um ihren Körper zu konservieren.
Die Mythen von Currys endlosen Konditionseinheiten sind weit verbreitet. Der Mann läuft rastlos, wenn’s sein muss 45 Minuten in einem Spiel. Im Alter trainierte er sich Muskelmasse an, um den Hieben und Schlägen seiner Verteidiger zu widerstehen. Er wird als bester Schütze in die Geschichte eingehen, der aber auch unter dem Korb punkten kann mit seinen Würfen aus der Trickkiste. James behandelt seinen Körper wie einen Formel-1-Wagen. Er pflegt ihn penibel, schläft etwa zwölf Stunden täglich nach einem minutiösen Plan. In NBA-Kreisen scherzt man gerne: James Tag bestehe nur aus Basketball und Schlafen. Es ist das Elixier seiner Langlebigkeit.
Die Westküsten-Metropolen San Francisco und Los Angeles treffen zum ersten Mal seit 1991 wieder in den Playoffs aufeinander. Zeit für Freundschaft ist da nicht. Draymond Green stimmte am Tag vor Spiel eins schon mal auf die Gangart ein, sagt über Kumpel James: „Wir versuchen immer noch, uns gegenseitig den Kopf herunter zu reißen.“ ANDREAS MAYR