Sprung zurück ins Leben

von Redaktion

SNOWBOARD Silvia Mittermüller wollte sich umbringen – ein Film erzählt ihre Geschichte

VON MATHIAS MÜLLER

München – Sie sei die 14 Stockwerke mehrmals hochgelaufen, erzählt Silvia Mittermüller. „Erst zum Auschecken. Dann zum Runterspringen“ – um sich in einer tief depressiven Phase das Leben zu nehmen. Die Münchnerin blickt dabei in die Kamera von Regisseur Andreas Wolff, der sie die vergangenen zwei Jahre begleitet hat. Viele Athleten resümieren in Büchern oder Dokumentationen noch während oder kurz nach ihrer Karriere über ihre aktive Zeit – ohne, dass sie wirklich etwas zu erzählen haben. Bei Mittermüller, lange die beste deutsche Freestyle-Snowboarderin, ist das anders.

In den vergangenen 39 Jahren ist ihr so einiges widerfahren, oft mehr als ihr lieb war. Große Erfolge wechseln sich mit unzähligen schlimmen Verletzungen (darunter vier Kreuzbandrisse) ab. Im März 2018, sie hat sich gerade den Innenmeniskus gerissen, verweigert ihr der deutsche Verband seine künftige Unterstützung, in Umsetzung der sportpolitischen Eckpunkte bei der staatlichen Förderung und der Kaderbildung.

Silvia stürzt in eine tiefe Krise. An diesem Punkt wird es selbst der intelligenten Einser-Abitur-Abenteurerin, die spüren will, dass sie lebt und nicht groß an das Morgen denkt, alles zu viel. „Ich wusste nicht mehr weiter, die Gedanken an Suizid waren noch die beruhigendsten“, sagt Mittermüller. Am Ende tritt sie dennoch von der Brüstung des Hochhauses nahe der Isar zurück ins Leben.

Angefangen hat ihre Geschichte vor zwanzig Jahren. „Sili“, wie sie viele nennen, ergattert bei der Junioren-WM 2003 die Silbermedaille in der Halfpipe. In einer Zeit, in der sich das Internationale Olympische Komitee noch nicht mit den hippen, coolen Trendsportarten schmückt. Danach folgen Silber bei den prestigeträchtigen X-Games, ein Weltcupsieg und zahlreiche internationale Topplatzierungen. Der noch junge und erst 2002 gegründete Verband „Snowboard Germany“ hat ihr deswegen einiges zu verdanken, denn Mittermüller war schon da, als es dort nur rudimentäre Strukturen gab. „Sie hat eine Menge Verdienste“, sagt Präsident Michael Hölz gegenüber unserer Zeitung, „das möchte ich herausheben“.

Wirklich anfreunden können sich die freiheitsdenkende Athletin und der Verband dennoch nie. Auch im Vorfeld der Premiere von Andreas Wolffs Film „Metal Battle Girl“ am Mittwoch im Rio Kino (21 Uhr) gibt es Knatsch. Ein höheres Verbandsmitglied hat sich im Nachhinein gegen die Veröffentlichung im Film ausgesprochen, auch Präsident Hölz bestand darauf, aus Sorge, seine Meinung könnte nicht fair und angemessen wiedergegeben sein. Über mögliche Autorisierungsvereinbarungen im Vorfeld gibt es verschiedene Aussagen. Sicher ist: Wolff wird sein Werk zeigen – mit Hölz.

Im Film gibt es zwei sensible Kernthemen. Erstens: ein Trainingsunfall Mittermüllers im September 2017 in Neuseeland – inklusive Bewusstlosigkeit, epileptischem Anfall, Gehirnblutung, chaotischer Heimreise. Und zweitens: den Ausschluss aus der Förderung knapp ein halbes Jahr später; dreieinhalb Wochen zuvor war sie noch bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang für Deutschland gestartet. Mittermüller fühlt sich jeweils ungerecht behandelt, der Verband sieht sich im Recht, im zweiten Fall auch aufgrund der Analyse des zuständigen Verbandsarztes im Blick auf ihren Gesundheitszustand wegen der Vielzahl der schwerwiegenden Verletzungen.

Während der Dreharbeiten träumt die Ausnahmesportlerin von einem erneuten Comeback. 2022 in Peking wäre sie 38 gewesen, doch Konventionen waren ihr schon immer egal. Genug Weltranglistenpunkte für die Qualifikationswettkämpfe hatte sie zusammen, doch der Verband sträubt sich gegen eine Nominierung. „Aus Verbands-Verantwortung für ihre physische und psychische Gesundheit“, argumentiert Hölz: „Wir haben ihr diverse Angebote zur Nachsorge und zum ‘Ausstieg‘ aus dem Leistungssport gemacht, eine Kooperation in der sogenannten „Nach-Sport-Karriere“ – alles abgelehnt.“

Mittermüller hingegen klagt: „Ich kann es nicht wahrhaben, dass es mir verboten wird.“ An dieser Stelle kommt auch Anna Gasser – eine enge Freundin und die derzeit wohl talentierteste Snowboard-Freestyle-Frau (Olympiasiegerin und Weltmeisterin) zu Wort. „Ein Athlet sollte selbst entscheiden dürfen, wann Schluss ist“, sagt die Österreicherin und schließt mit dem am Ende trotz aller Querelen wohl wichtigsten Fazit: „Ich bin froh, dass sie aus ihrem Loch herausgefunden hat.“

Mittermüller war zwischenzeitlich in Therapie, was genau ihr geholfen hat, weiß sie selbst nicht so genau. Vermutlich war es das freie Snowboarden, ohne Zwänge und ohne Ärger. Mit ihren beiden Füßen auf einem Brett zu stehen, das bedeutet ihr die Welt – jetzt und für immer. „Ich werde ewig fahren“, sagt Mittermüller. Die „Glückshormone“ nach einem gelungenen Trick – „das ist fast wie eine Sucht“.

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