München – Wer am Dienstagabend Post von Thomas Müller bekommen hat, kann sich sicher sein, dass im Hause des Weltmeisters die Fußball-Kultserie „Ted Lasso“ geschaut wird. Die sogenannte „Müller Mail“, der monatliche Newsletter, ist bebildert mit einem Goldfisch, den Müller mit folgenden Worten unterschrieb: „Goldfisch-Mentalität ist jetzt angesagt: Mit einem Gedächtnis von nur 10 Sekunden ist da automatisches Nach-vorne-Blicken angesagt. Das gilt jetzt auch für uns.“ Frei zitiert nach Ted Lasso, dem TV-Coach, der sein Team in der gleichnamigen Serie so einiges lehrt, das der gebeutelte FC Bayern im Endspurt dieser turbulenten Saison gut gebrauchen kann.
Ted Lasso, zu sehen auf „Apple TV“ ist ein Lehrstück über Führungsqualitäten und Menschlichkeit. In drei Staffeln krempelt der sympathische College-Football-Coach die fiktive Premier-League-Mannschaft AFC Richmond mit simplen Mitteln komplett um. Optimismus und Freundlichkeit sind sein Rezept – und Ted Lasso kriegt sie alle: die knorrige Club-Chefin, abgehobene Superstars, unsichere Talente. Er formt ein Team, das füreinander einsteht. Und er predigt nach bitteren Niederlagen und persönlichen Rückschlägen stets dasselbe: Sei ein Goldfisch! Vergiss all das, was du nicht ändern kannst!
Im Fall des FC Bayern wäre das in diesem Fußball-Jahr so Einiges. Die Liste der Nebenkriegsschauplätze ist lang, die Verunsicherung war selbst beim 2:0 gegen Hertha zu spüren. Daher ist Müllers Idee, die Flucht nach vorne zu suchen, nicht so schlecht. „In der aktuellen Phase müssen wir die vergangenen Spiele und Erlebnisse abschütteln und uns auf das konzentrieren, was jetzt wichtig ist“, schreibt er weiter. Und er richtet einen flammenden Appell an seine Mitspieler. „Uns, unseren Fans und der DNA des Clubs“ sei die Mannschaft schuldig, „alles dafür zu tun, um der Saison mit dem Gewinn der Meisterschaft noch ein versöhnliches Ende zu geben“. Wenn die Basis aus „absolutem Glauben, Einsatz und Geschlossenheit“ in den verbleibenden vier Partien – in Bremen, gegen Schalke, Leipzig und in Köln – zu sehen ist, ist der 33-Jährige sich sicher: „Wir holen uns das Ding.“
Um seine Gier zu untermauern, verwendete Müller ein schönes Bild. „Sinngemäß“, schrieb er, „sind wir in der 80. Minute der Bundesliga-Saison“. Es sei zu spät, „etwas Grundsätzliches zu korrigieren oder Wiedergutmachung zu betreiben“. Bis zur Generalkritik im Anschluss an die Saison heißt es daher: „Beißen und jede Aktion als entscheidend betrachten.“ In der Liste an Last-Minute-Siegen, die er anfügte, fehlen auch Negativ-Ereignisse wie die Champions-League-Finals 1999 und 2012 nicht. Müller aber stützt sich eher auf die Bundesliga-Entscheidung 2001 und den Sieg von Wembley 2013. Auch dass er seine persönliche Situation als Bankdrücker mit keinem Wort erwähnt, ist kein Zufall. Er hält es da wie Ted Lasso – und die Goldfische. hlr