Berlin – Primoz Roglic ging auf Nummer sicher. Mit aufgesetzter Schutzmaske rollte der Top-Favorit des 106. Giro d’Italia bei der Teampräsentation am Donnerstagabend auf die Bühne – nach zuletzt drei positiven Corona-Fällen in seinem Team Jumbo-Visma vermied der Slowene jedes Risiko. Das tückische Virus soll den Angriff auf das Rosa Trikot und den goldgeschwungenen Siegerpokal „Trofeo Senza Fine“ nicht verhindern.
Die Herausforderungen für die Beine sind ab Samstag fordernd genug: 21 Etappen, 3489,2 km bis zum Finale am 28. Mai in Rom – und der Weltmeister als Widersacher. Ausnahmetalent Remco Evenepoel ist noch vor dem deutschen Hoffnungsträger Lennard Kämna der größte Herausforderer des dreimaligen Vuelta-Champions Roglic. „Es werden spektakuläre drei Wochen“, sagte Roglic.
Zehn Jahre trennen den 33 Jahre alten Routinier Roglic und Belgiens Überflieger Evenepoel (23). „Ich bin mit einer Menge positiver Vibes und guten Gefühlen für den Giro angekommen“, sagte Evenepoel vor dem Generationenduell um den Titel bei der zweitwichtigsten Landesrundfahrt des Jahres.
Fünf Monate hat sich Evenepoel gezielt auf seinen zweiten Giro nach 2021 vorbereitet. Damals stieg er in der Schlusswoche aus. Zwei Jahre später will er auf dem Podest ganz oben stehen.
Die Form passt: Nach einer längeren Rennpause gewann Evenepoel Ende April auf Anhieb den Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich. Doch auch Roglic blickt mit Siegen bei der Katalonien-Rundfahrt und Tirreno-Adriatico auf ein starkes Frühjahr zurück.
Der erste Punktsieg könnte Evenepoel schon beim 19,6 km langen Auftaktzeitfahren nach Ortona in den Abruzzen gelingen. Erobert Evenepoel das „Maglia Rosa“ schon am ersten Tag, stünde sein Team Soudal-Quick Step allerdings unnötig früh unter Führungsdruck.
Das deutsche Team Bora-hansgrohe will sich zunächst in Lauerstellung bringen. „Die Mannschaft, die Rosa hat, muss erst mal fahren. Vermutlich werden wir am Anfang des Giros gar nicht so viel Arbeit haben“, sagte Teamchef Ralph Denk: „Wir haben uns nicht vorgenommen, in der ersten Woche die Welt einzureißen.“
Das soll Kämna in der Schlusswoche übernehmen, wenn im Kampf um die Gesamtwertung die Entscheidung fällt. Der 26-Jährige, von Denk als derzeit bester deutscher Radprofi geadelt, wagt beim Giro den nächsten Schritt in seiner Entwicklung. Kämna hat sich bislang als Etappenjäger einen Namen gemacht. Nun fährt er in Italien erstmals auf die Gesamtwertung. „Ich will sehen, dass er über drei Wochen auf Tuchfühlung mit den Besten ist. Täglich mit den Besten mitfahren, das hat er noch nie gemacht“, sagte Denk.
Läuft für Kämna, der sich die Führungsrolle bei Bora-hansgrohe mit dem Russen Alexander Wlassow teilt, alles wie geplant, dürfte mittelfristig auch die Gesamtwertung bei der Tour de France in Angriff genommen werden. Voraussetzung für ein gutes Ergebnis ist, dass Kämna verschont bleibt von Stürzen, Verletzungen – und einer Corona-Infektion. Denk macht sich trotz gehäufter Fälle wenig Sorgen. „Es schaut so aus, dass es schlussendlich eine Lotterie ist“, sagte der 49-Jährige. sid