München – Tore fallen in den eineinhalb Stunden hundert. Mindestens. Es ist keine Trainingseinheit, die die Torhüter gut aussehen lässt. Immer wieder rollen Fünfer-Blöcke zu auf Mathias Niederberger, Dustin Strahlmeier und Maxi Franzreb. Es gibt keine Gegenspieler, keinen Widerstand, es soll die flüssige Vorwärtsbewegung geübt werden. Hohes Tempo, direkte Pässe, resoluter Abschluss.
27 deutsche Eishockeyspieler bereiten sich in der Münchner Olympia-Eishalle auf die Weltmeisterschaft, beginnend kommenden Freitag, und das vorgeschaltete letzte Testspiel gegen die USA (Dienstag, 19.30 Uhr) vor, und es sieht so aus, als sei da eine Ansammlung von Spielern auf dem Eis, die gute Aussichten hat, sich beim Turnier im finnischen Tampere zu einer Mannschaft zusammenzufinden. Es wird mit sichtbarer Freude gearbeitet, es wird gejubelt, gespaßt – und sogar die Torhüter glühen vor Begeisterung: Ist doch schön, richtig beschäftigt zu werden.
Auf der Tribüne sitzt als Beobachter Christian Künast, der Sportdirektor des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB). Soeben hat der Verband die Öffentlichkeit wissen lassen, dass Lukas Reichel nicht zur WM kommen wird. Der 20-Jährige, eines der herausragenden Talente, diese Saison 23 Mal für das NHL-Team Chicago Blackhawks auf dem Eis, spielt Playoffs mit dem Farmteam Rockford IceHogs – und hat sich verletzt. Künast weiß es schon seit einigen Tagen: „Lukas wollte die Serie noch zu Ende spielen; danach muss er sechs Wochen Pause machen.“ Im Eishockey ist am Ende der Saison immer damit zu rechnen, dass Spieler für die intensiven Monate bezahlen. Auch der neue Bundestrainer Harold Kreis muss Verzicht üben. Es hat einiges an Prominenz abgesagt: Tim Stützle (Ottawa), Moritz Seider (Detroit), Marc Michaelis (Langnau/Schweiz), Korbinian Holzer. Mathias Plachta (Mannheim), die Schweden-Legionäre Tom Kühnhackl und Tobias Rieder, Münchens Kapitän Patrick Hager.
„Die Absagen sind im Rahmen“, sagt Künast und findet es vielmehr bemerkenswert, „welch hohen Anteil an Spielern aus dem DEL-Finale wir hier haben“. Acht Münchner, drei Ingolstädter.
Harold Kreis muss am Mittwoch vor der Abreise nach Finnland noch einen Cut setzen: Nur maximal 25 Spieler fliegen mit, aus der American Hockey League könnten Kai Wissmann (Providence) und Leon Gawanke (Manitoba) zum Team stoßen. Der eine liegt mit seinem Team in den Playoffs zurück, der andere führt. „Am Sonntag“, sagt Christian Künast, „wissen wir mehr.“
Im Eishockey muss man improvisieren – gilt auch für Test-Gegner USA. Künast steht in Kontakt mit Manager John Vanbiesbrouck: „Die suchen bis zur letzten Sekunde.“ GÜNTER KLEIN