„Irre, was da abgeht!“

von Redaktion

Allesfahrer Roman Wöll über Löwen-Krise, Fanfrust und den Dauerstreit der Gesellschafter

München – Der Mann ist hart im Nehmen: Roman Wöll ist Allesfahrer bei den Löwen. Im Interview mit unserer Zeitung spricht der 68-Jährige über die aktuelle Situation.

Herr Wöll, welche Schulnote geben Sie der Löwenmannschaft bisher?

(überlegt) Zwischen Drei und Vier. Wie wir in die Saison gestartet sind, mit dem Kader, den wir hatten . . . das war schon gut. Die Kombination aus Kader und Trainer Michael Köllner hat gut gepasst. Da habe ich schon geglaubt, dass wir aufsteigen werden. Aber dann kam der Hänger im Herbst und Winter insgesamt, der war enttäuschend.

Und Sie fahren dennoch immer weiter mit?

Ich will einfach Sechzig Fußball spielen sehen. Das ist mein ganzes Leben. Das habe ich als kleiner Bub schon gemacht und das werde ich bis zu meinem Tod auch weitermachen. Viele fragen mich: Bist du blöd und fährst da immer noch mit? Aber ich komme aus dieser Schleife nicht mehr raus. Wo soll ich sonst hin? (lacht) Ein anderer Verein würde mich sicher nicht mehr nehmen.

Also weiter der TSV. Ab wann haben Sie in dieser Saison gemerkt: Das wird nichts mehr mit dem Aufstieg?

Wir hätten es mit Köllner am Ende noch geschafft, denke ich. Ich hätte an ihm festgehalten. Aber so ist eben das Geschäft. Was mich am meisten geärgert hat, waren die vier Spiele unter Gorenzel, in denen wir nur zwei Punkte geholt haben. Das hat uns den Rest gegeben. Ich bin eigentlich immer Optimist, aber da hat mich jegliche Hoffnung verlassen. Der Abstand wurde immer größer. Also, um ihre Frage zu beantworten: Nach den Spielen unter Gorenzel.

Wie erklären Sie es sich, dass er so lange selbst Trainer blieb?

Er hatte ja niemanden an der Hand, keinen Nachfolger für Köllner, der hätte übernehmen können. Und ich glaube schon, dass er in diesen Spielen gegen relativ kleine Gegner geglaubt hat, Pluspunkte sammeln zu können. Aber das ist in die Hose gegangen. Es geht einfach nicht, dass du einen Trainer entlässt und erst nach vier Wochen einen neuen an Land holst. Die Spieler hätten am Trainingsplatz ein anderes Gesicht, einen anderen Ton gebraucht. Beides war mit Gorenzel natürlich nicht gegeben. Erst mit Jacobacci kam ein frisches Gesicht. Er macht es bisher ganz ordentlich.

Die Mannschaft aber, so scheint es, hat längst aufgegeben. Zuletzt wurden drei Spieler abgemahnt, die in der Kabine Schnaps getrunken haben sollen.

Das hat mich schon überrascht. Allein schon, dass das Thema nach außen gedrungen ist. Aber mei, die drei haben niemanden umgebracht. Ist natürlich ein starkes Stück, in der Kabine Schnaps zu trinken. Aber es weiß ja inzwischen jeder, wer es war. Und die Spieler sind ja ab Sommer sowieso nicht mehr da. Also würde ich aus dem Vorfall auch keinen allzu großen Zirkus machen. Beim Max Merkel damals gab’s ja auch die Alkoholiker. Wobei, die haben ja immerhin gewonnen . . . Sechzig wird schon weiterleben. Wobei mir der Gesellschafter-Zoff zwischen e.V. und Investor viel größere Sorgen bereitet.

Erklären Sie!

Das ist brutal. In diesem Ausmaß haben wir das bei den Löwen noch nie gehabt – nicht einmal annähernd. Und so etwas beeinflusst die Spieler schon. Den einen mehr, den anderen weniger. Aber die bekommen das mit. Das Schlimme ist ja, dass es keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass die eine Seite auf die andere zugeht. Ohne Schmarrn: Mein Frust sitzt tief.

Haben Sie einen Vorschlag, wie dieser Streit beizulegen ist?

Es ist mir ein Rätsel. Das ist ja irre, was da abgeht. Ich weiß keine Lösung. Die arbeiten gegeneinander. Das kann man keinem Fan von einem anderen Verein erzählen. Die halten einen für verrückt. Es ist nicht mal sicher, ob Gorenzel bleiben darf. Oder wissen Sie da mehr?

Leider nicht.

Da haben Sie es! Niemand weiß Bescheid. Mag sein, dass der ein paar Verträge klarmacht und vielleicht sogar ein paar Transfers. Aber es kann sein, dass der jetzt Entscheidungen trifft, die jemand anderes dann ab Sommer wieder umkehrt. Man hört auch so wenig von ihm. Neulich hat er Ihrer Zeitung ja ein Interview gegeben. Aber sonst ist der ja völlig abgetaucht.

Sollte er bleiben?

Im Winter habe ich es für möglich gehalten, dass sich beide Seiten darauf verständigen, getrennte Wege zu gehen. Aber dann hat sich der Vertrag automatisch verlängert, sodass man eine Trennung jetzt bezahlen müsste. Wenn er es jetzt nicht schafft, Leandro Morgalla oder Marius Wörl zu halten, spricht das natürlich nicht für ihn. Wenn man nicht einmal Spieler aus der eigenen Jugend halten kann, ist das kein gutes Zeichen.

Wobei ein Morgalla-Verkauf ja Geld in die Kasse spülen würde.

Stimmt schon. Aber wie viel ist das am Ende? Jeder Verein weiß ja, dass Sechzig Geld braucht. Ich glaube nicht, dass da Unsummen fließen würden. Wenn wir für den Leo eine Million Euro bekommen, wäre das immer noch lächerlich. Wann hat der Verein mal eine vernünftige Ablöse bekommen? Also, Sie merken: Wo man hinschaut, läuft es nicht. Wenn ich sportlich eine Drei bis Vier gegeben habe, muss ich vereinspolitisch eine glatte Sechs geben.

Woraus schöpfen Sie Hoffnung?

Mit diesen Gesellschaftern schöpfe ich sie kaum. Und vielen anderen Fans geht es ähnlich. Einige überlegen, ob es sich lohnt, nächstes Jahr noch eine Dauerkarte zu holen, wenn es eine Perspektive gibt. Du hast eher die Chance auf einen Sechser im Lotto, als irgendeine positive Voraussage für diesen Verein sicher treffen zu können.

Sagten Sie nicht, Sie sind Optimist?

Von Haus aus, ja. Der Löwe wird nie sterben. Wir werden sicher im Sommer elf Mann auf dem Platz zusammenbringen. Aber wer das ist? Ich weiß es nicht. Momentan schaut es nicht so aus, als hätten wir nächstes Jahr eine Mannschaft zusammen, mit der wir um den Aufstieg spielen. Aktuell muss man berechtigte Angst haben, dass Sechzig zu einem grauen Drittligisten mutiert.

Welche Spieler muss Sechzig im Sommer holen.

Einen Ersatz für Boyamba auf jeden Fall. Und einen Stürmer, der dir 13, 14 Tore im Jahr garantiert. Aber solche Spielertypen, die für den Aufstieg taugen, gibt es in der 3. Liga eigentlich nicht. Eigentlich hatten wir solche Typen ja schon im letzten Sommer geholt. Aber nicht mal das hat am Ende gereicht.

Interview: Jacob Alschner

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