Neapel – Diego Maradona schritt im himmelblauen Trikot mit der „10“ über die berühmte Treppe an der Vico Colonne, auf den Stufen unter seinen Puma-Schuhen prangten die Namen seiner Erben. Die Fotomontage auf seinem offiziellen Instagram-Profil ließ den Fußball-„Gott“ noch einmal auferstehen – für diese magische Nacht, in der die Stadt am Fuße des Vesuvs regelrecht explodierte.
„Forza Napoli!“, rief der einstige Capitano seinen Nachfolgern an diesem „denkwürdigen Datum“ zu, der Beitrag schloss mit seinem blauen Herzen, das vor zweieinhalb Jahren für immer aufgehört hatte zu schlagen. Und im Maradona-Museum im nach dem Superstar benannten Stadion des neuen italienischen Meisters SSC Neapel sangen zwei Fans vor Reliquien des „ewigen“ Idols dessen Lied: „Oh, Mama, ich habe Maradona gesehen, ich bin verliebt!“
Der dritte Scudetto, errungen nach quälend langen 33 Jahren, war der erste ohne den großen Diego – doch Neapel feierte ihn „im Namen Maradonas“ („Corriere dello Sport“). Der verlorene Sohn wandelte nur virtuell durch das Quartieri Spagnoli im Herzen der Innenstadt, 100 Meter von der Piazza Maradona entfernt – und war doch allgegenwärtig. Tochter Giannina nannte ihren Vater den „präsentesten Abwesenden“, seine Ex-Frau Claudia Villafane schluchzte: „Sicherlich feierst du, der Himmel feiert.“
Nicht nur der. Als der frühere Wolfsburger Victor Osimhen den Titel am Donnerstagabend in Udine mit seinem Treffer zum 1:1-Endstand perfekt machte, brachen dort wie in Neapel alle Dämme. Tausende Fans stürmten den Platz, tätschelten Erfolgstrainer Luciano Spalletti liebevoll die Glatze, rissen ihren Helden die Kleider von den Leibern.
Der Glückstaumel blieb fatalerweise nicht ohne Folgen: Während der spontanen Feiern wurde ein 26-jähriger Mann getötet, drei weitere Menschen von Schüssen getroffen. Wie Medien berichteten, war zunächst unklar, ob die Schüsse in Neapel im Zuge des Jubels über die Meisterschaft abgefeuert wurden oder ob es sich um einen kriminellen Angriff handelte. Insgesamt erlitten mehr als 200 Menschen Verletzungen.
Doch vor allem erlebte Neapel einen kollektiven Freudenrausch. „Napoli im Paradies!“, titelte die „Gazzetta dello Sport“, in der Vulkanstadt stimmten sogar die Kapuziner-Nonnen Triumphgesänge an: „Wir sind die Meister Italiens!“ Der Pfarrer im nahen Marigliano ließ die Glocken läuten. Und der neapolitanische Oscar-Preisträger Paolo Sorrentino filmte die große Party.
„Dieses Scudetto-Fest bezeugt das Herz und die Seele unserer Stadt“, jubelte Bürgermeister Gaetano Manfredi über den Erfolg „für alle, die an den Fußball glauben“. Tatsächlich ist der Triumph so unerwartet wie verdient. Napoli verlor im vergangenen Sommer zahlreiche Stammkräfte und ersetzte sie durch Namenlose aus Fenerbahce, Getafe, Sassuolo oder Brighton. Chwitscha Kwarazchelia kam aus Georgien – und stieg als „Kwaradona“ zum Erben des Größten auf.
Mittendrin im Trubel: Diego Demme, ein Länderspiel für Deutschland, in dieser Saison mit fünf Kurzeinsätzen, mit freiem Oberkörper und Papa Enzo im Arm, der ihn vor 31 Jahren nach Maradona benannt hatte.
Deutlich größeren Anteil am Erfolg hatten „König Osimhen“ („La Repubblica“), der sich anschickt, als erster Afrikaner Schützenkönig der Serie A zu werden – und Spalletti. „Er ist wie ein Vater für uns“, sagte Osimhen über den Trainer. Dem hatten Fans vor einem Jahr noch seinen Fiat Panda gestohlen, um ihn zum Rücktritt zu zwingen – vergessen. „Die Menschen werden auf diesen Moment schauen, wenn ihr Leben schwer wird“, rief er gerührt.
Für SSC-Präsident Aurelio De Laurentiis ist der dritte Scudetto nach 1987 und 1990 „erst der Anfang“, wie er beim Public Viewing vor 50 000 Fans im Maradona-Stadion erklärte. „Wir müssen ihn wieder und wieder gewinnen“, forderte er, „und dann die Champions League!“ sid