Käpt’n Kimmich – und dann?

von Redaktion

Ohne Müller droht ein Machtvakuum im Bayern-Kader – Tuchel will Hierarchie

VON HANNA RAIF UND PHILIPP KESSLER

München – So ein Fußballfeld offenbart viele Perspektiven, auf 105 Metern Länge und 68 Breite gibt es unzählige Blickwinkel auf das Geschehen auf dem Rasen. Rund um den Trainingsplatz des FC Bayern aber bietet sich ein Standpunkt besonders an. Er befindet sich dort, wo Joshua Kimmich agiert, und wurde über die sozialen Medien des Rekordmeisters dieser Tage unter dem passenden Namen „Kimmich-Cam“ verkauft. Zu sehen ist im rund halbminütigen Zusammenschnitt: ein sehr motivierter Mann, der versucht, alle mitzureißen.

„Gut, Benjamin“, „Joao, jetzt bist du da“, „ja, Serge“, „weiter, weiter, weiter“, „Noussi, sehr gut“, „Bravo, King“ – die Kommandos, die da aus Kimmichs Kehle in Richtung seiner Mitspieler kommen, sind klar, bestimmt und durchweg positiv. Der 28-Jährige, der den FC Bayern in diesem Fußballjahr schon sechs Mal als Kapitän aufs Feld geführt hat, weiß, dass er besonders gebraucht wird. Und er weiß auch, dass er mit Blick in die nahe Zukunft, in der die Rolle von Thomas Müller, der sich laut Sportbild mit einem Wechsel befassen soll, sich weiter verändern dürfte, verstärkt gefragt sein wird. Als einer der wenigen, die das drohende Machtvakuum im Kader füllen könnte. Dass die Ansammlung von Stars schon jetzt, wo Müller seine Rolle als dienstältester Spieler noch leidenschaftlich ausfüllt, von flacher Hierarchie geprägt ist, ist bekannt. In Zeiten, in denen Kapitän Manuel Neuer verletzt fehlt, gehen seine Stellvertreter Müller und Kimmich voran. Sie werden unterstützt von den beiden Mannschaftsräten Leon Goretzka und Kingsley Coman – dahinter aber sieht es mau aus. Das Fehlen einer klaren Hackordnung hat auch Thomas Tuchel schnell bemerkt, in internen Gesprächen wurde es bereits mehrfach thematisiert. Und auch bei der Suche nach potenziellen Neuzugängen richten sich die Augen der Führungsetage nach Informationen unserer Zeitung nicht nur auf die fußballerische Qualität. Dass der ausgelaugten Mannschaft aktuell Mentalitätsspieler fehlen, wurde hausintern ausgemacht. Der Tenor: Sinnvoll verstärken heißt nicht nur, große Namen an die Säbener Straße zu locken. Es geht als Spieler des FC Bayern um deutlich mehr als Technik und Taktik. Im Fokus steht der Wille, über Grenzen zu gehen, für Verein und Mitspieler alles zu geben. Plump übersetzt: das mia san mia.

Die Generation um Müller und Neuer hat dieses Selbstverständnis noch eingeimpft bekommen. Die Zeit, es weiterzugeben, drängt so langsam. Neuer (Vertrag bis 2024) plant, noch einige Jahre als Kapitän an Bord zu bleiben. Da trifft es sich nur zu gut, dass er am Dienstag schon wieder auf dem Platz trainierte, wie die Bild berichtete. Die Rückkehr des Chefs im Tor rückt immer näher.

Neuer gilt jedoch als ruhiger Anführer, der vor allem mit Leistung vorangeht. Anders steht es da um Müller, dessen Wort als Meinungsmacher immer Gewicht hat. Nicht umsonst wirkt der 33-Jährige auch aktuell auf der Bank wie ein Co-Trainer. Dass sein Leader-Status als Reservemann aber leiden würde, ist nur logisch. Hier kommt also Kimmich ins Spiel, der schon jetzt als Bindeglied, Kümmerer und Motivator geschätzt ist. Dass er mit seinem Charakter manchmal aneckt, gehört dazu. Dass er nicht alles alleine stemmen kann, ist da das größere Problem.

Gefordert ist vor allem der Mannschaftsrat. Coman ist gut integriert, spricht bestens deutsch, ist Integrationsbeauftragter für die ausländischen Profis, macht aber keine Ansagen. Deutlich mehr erhofft man sich da vor allem von Goretzka, dessen Ansichten – wie unter anderem die Anregung zum Gehaltsverzicht während der Pandemie – nicht immer gut ankommen, der aber eine klare Meinung hat. Man baut darauf, dass der 28-Jährige zu alter Stärke findet, um vorangehen zu können. Denn die meisten um ihn herum, sind noch nicht so weit. Da wäre Lucas Hernandez, der sich vor allem für gute Stimmung neben dem Feld verantwortlich sieht. Da wäre Jamal Musiala, der Führungsansprüche hat, aber noch Zeit braucht. Und da wäre ja auch noch Matthijs de Ligt, der in die Rolle des Leaders reinwachsen soll und will.

Auf den Niederländer halten die Herren in den hohen Etagen an der Säbener Straße übrigens große Stücke. Warum also nicht mal eine „de Ligt-Cam“ aufstellen?

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