München – Und wo liegt sie nun, die Wahrheit über die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft des Jahrgangs WM 2023?
In den Momenten, in denen Dominik Kahun und John Peterka übers Eis flogen und im letzten Test die schon 3:0 führende USA mit zwei Toren doch noch ins Wanken brachten?
Oder in einer markanten Phase des zweiten Drittels, als die Amerikaner die Deutschen minutenlang nicht aus deren Abwehrzone ließen, obwohl es reguläres Fünf-gegen-fünf-Spiel war und keine Überzahlsituation? Da brachte der deutsche Block die Scheibe nur noch per Befreiungsschlägen weg, durfte daher aber nicht wechseln und kam sogar der NHL-gestählte Nico Sturm schwer ins Pumpen. An seiner Seite spielten Samuel Soramies und Alexander Ehl, beide keine Spitzenkräfte in der DEL – zwei Namen, aus denen sich die Frage ergibt: Wird diese deutsche Mannschaft stark genug sein, um eine Rolle zu spielen wie 2021, als sie in Riga am Einzug ins Finale kratzte, oder 2022 in Helsinki mit einer souveränen Vorrunde und einem sicheren Erreichen des Viertelfinales?
Beim 3:6 am Dienstagabend in München sah man, dass die amerikanischen NHL-Spieler keine große Abstimmung aufeinander benötigen, sie scoren einfach drauflos. Die Deutschen hatten sieben Spiele zur Vorbereitung, das personelle Angebot veränderte sich mit dem Verlauf der Playoffs in der Liga, wurde eigentlich immer besser – doch daraus ergab sich keine stimmige Formkurve. Unterm Strich stehen aus den Begegnungen mit Tschechien, Österreich, der Slowakei und den USA drei Siege und vier Niederlagen.
„Wir sollten das Positive mitnehmen. Wir können mithalten“, fasste der quirlige Dominik Kahun den letzten Test zusammen. „Wir waren zu optimistisch in der Vorwärtsbewegung“, meinte Bundestrainer Harold Kreis. Er weiß, was noch an Fehlverhalten abzustellen ist. „Wir bekommen noch sehr gute Verstärkungen, sie werden dem Team sehr helfen“, blickte Verteidiger Fabio Wagner voraus: Zum WM-Start werden in der Abwehr NHL-Star Moritz Seider und Kai Wissmann zur Verfügung stehen, wohl zum dritten Spiel mit Leon Gawanke ein weiterer Akteur aus Nordamerika – das wertet die Mannschaft wirklich auf. Durch dieses unverhoffte Überangebot in den hinteren Reihen musste Harold Kreis mehr Streichungen vornehmen als geplant: Für vier Verteidiger (den künftigen Münchner Dominik Bittner, den Berliner Marco Nowak, den in der Schweiz spielenden Tobias Fohrler und den Straubinger Mario Zimmermann) war an diesem Punkt Schluss, sie schafften es nicht in den finalen Kader. Vorne fiel noch Andi Eder aus, der Münchner hastete nach der Schlusssirene in die Physiotherapeuten-Kabine, kein gutes Zeichen – für ihn wurde Manuel Wiederer (Berlin) nachnominiert.
Ein Schatten, der sich über die deutsche Mannschaft schiebt, ist die Konstruktion des Spielplans. Es gibt kein Eingrooven gegen nominell schwächere Teams, sondern an den ersten vier Tagen gegen Schweden, Finnland, USA. Hat man null Punkte nach drei Spielen? „Das steht tatsächlich im Raum“, sagt Marcel Noebels. Käme es so, müssten die vier anderen Matches (Dänemark, Österreich, Ungarn, Frankreich) gewonnen werden. „Man muss dann vom Kopf her stark sein“, fordert Teamsenior Moritz Müller (36) schon mal. „Doch vielleicht klauen wir den Großen am Anfang doch den einen oder anderen Punkt“, sagt Noebels.
Er verrät, dass er nach einer Frust-Saison mit Berlin „in der Nationalmannschaft den Spaß am Hockey wiedergefunden“ hat. Er fühlt sich fit, und das hört man eigentlich von allen. Das DEL-Finale ist fast drei Wochen her, Meister München stellt einen ungewöhnlich großen Block, es gibt interessante neue Reihen, und Harold Kreis sieht seine Truppe „ausgeruht, jung und hungrig“. Und das ist vor einem Turnier eine gute Wahrheit.