Klare Vision – über 2024 hinaus!

von Redaktion

Kahn gibt sich kämpferisch, selbstkritisch und holt ein altes Credo heraus

VON HANNA RAIF UND MANUEL BONKE

München – Es ist kein neues Phänomen, dass beim FC Bayern in turbulenten Zeiten jedes einzelne Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Und auch wenn Herbert Hainer seine jüngste Aussage zu einem möglichen Aus von Oliver Kahn als Vorstandsvorsitzender des FC Bayern („Glauben Sie mir, wir konzentrieren uns auf das Sportliche“) nicht in Richtung Misstrauen interpretiert sehen wollte, munkelt man seitdem: Der Präsident vermeidet ein klares Bekenntnis zum CEO. Da trifft es sich gut, dass zumindest der Mann, um den es geht, die Sache so einordnet, wie sie gemeint war. Kahn nämlich erzählte der „Sport Bild“: „Ich kann absolut nachvollziehen, wenn Herbert Hainer sagt: Wir wollen uns auf den Gewinn der Meisterschaft konzentrieren. Genau das sage ich ja auch.“

Freilich ist auch dem 53-Jährigen bewusst, dass der Blick intern deutlich weiter geht als bis zum 27. Mai, also jenen Samstag, an dem der FC Bayern in Köln gastiert, während der aktuell auf einen Punkt distanzierte Verfolger aus Dortmund Mainz empfängt. Drei Tage später steht die verschobene Aufsichtsratssitzung in der Allianz Arena an, in der man laut Kahn „alles andere kritisch und auch selbstkritisch hinterfragen“ werde. Alles – das sind die Dinge, die auf dem Platz schiefgelaufen sind, aber auch jene, die man daneben „besser machen“ könne. Kahn nimmt sich selbst da nicht aus, will sich „entwickeln“. Und man merkt ihm in den Wochen, die seit dem ersten Gerücht um ein mögliches Ende an der Spitze des FC Bayern vergangen sind, seinen Kampfgeist an. Sogar sein altes Credo „Eier, wir brauchen Eier“, nimmt er wieder auf: „Es gibt keinen Grund, sich von diesem Satz zu distanzieren.“

Der „Titan“ lebt es intern und ist öffentlich deutlich präsenter als in den eineinhalb Jahren zuvor, er schärft sein Profil und will gehört werden. Und er hat eine klare Vision von diesem, seinem Verein, die deutlich weiter reicht als sein bis Ende 2024 datierter Vertrag.

„Wir befinden uns in einem Prozess der Veränderung“, sagt er in dem Bewusstsein, dass der FC Bayern sich „in Zukunft großen Herausforderungen stellen“ müsse. Der Blick auf das CL-Halbfinale, in dem drei investorengeführte Clubs stehen, bestätigt Kahn: „Darauf müssen wir Antworten haben.“

Von Beginn an sei er sich bewusst gewesen, „dass diese Herausforderung nicht einfach sein wird und es dabei knirschen kann“. Er denkt an Gehaltsobergrenzen im Zuge der von der UEFA eingesetzten „Financial Sustainability“, an den geplanten Bau eines neuen Trainingszentrums („Wir wollen ja für Weltklassespieler attraktiv bleiben“). Er denkt an das umstrittene Katar-Sponsoring („Bekommen wir eine Kooperation im Sinne des FC Bayern hin?“) und freut sich über den Rückenwind, den der neue Umsatzrekord von wohl mehr als 850 Millionen Euro geben wird. Finanzen, das ist Kahn klar, sind nun mal „eine wichtige Grundlage für sportlichen Erfolg“. Daher sieht er es als seine Aufgabe an, „den FC Bayern in dieser Welt und mit dieser Größe weiterzuentwickeln und gleichzeitig die Tradition, die Werte, die Geschichte zu pflegen“. Ein Spagat, der nicht immer einfach ist. Und Kahn gibt zu, ihn seit seinem Amtsantritt im Juli 2021 auch nicht immer gut gemeistert zu haben. Den Vorwurf, intern unnahbar zu sein, weist er zurück („nicht mehr möglich, alle morgens persönlich zu begrüßen“), die ausgebliebene Kommunikation mit den Anhängern über sein Zukunftsprojekt FC BAYERN AHEAD aber nicht. „Da bin ich selbstkritisch, wir hätten die Fans da mehr mitnehmen müssen“, sagt er. Die jüngsten Plakatproteste in der Allianz Arena kann Kahn daher bestens verstehen, „das unterschreibe ich eins zu eins“. Auch ihm geht es ums „mia san mia“, das er „mit der Muttermilch aufgesogen“ habe.

Ehrliche Worte wie diese will man auch in der Aufsichtsratssitzung hören, deren Ergebnis – so erfuhr unsere Zeitung – nach wie vor als offen gilt. Es wird um Transfers gehen, zu denen Kahn sagt: „Wir beschäftigen uns mit dem Stürmer-Thema.“ Aber darüber hinaus um so viel mehr. Dass Kahn eine klare Vision hat, ist da nur gut. In seinem Kopf ist nicht Schluss beim FC Bayern. Noch lange nicht.

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