Sie glaubten ihm kein Wort

von Redaktion

Der erste deutsche Weltumsegler Wilfried Erdmann (83) ist gestorben

VON MATHIAS MÜLLER

München – Als Boris Herrmann (41), der aktuelle Segel-Shootingstar, 1981 geboren wurde, da hatte Wilfried Erdmann bereits zweimal alleine in einem siebeneinhalb Meter langen Holzboot die Welt umrundet – und zwar als erster Deutscher. Geglaubt hat ihm das zunächst aber niemand. Als Erdmann 1968 in seiner heruntergekommenen „Kathena“ auf der Elbe wieder in heimische Gewässer schipperte, hegten alle große Zweifel an seiner Geschichte. „Lügenhaft“, schimpfte beispielsweise der Deutsche Segler-Verband über den Mann, der da ohne Segelschein und ohne Mitglied in einem Segelverein zu sein, behauptete, dass ihm dieser Coup gelungen sein soll. „Münchhausen zur See“, war eine von vielen abschätzigen Schlagzeilen der Presse. Aufklärung brachten letztlich seine Berichte und die Briefe und Erzählungen seiner Frau Astrid, mit der er nur ein Jahr später wieder die Welt umrunden sollte – es war ihre Hochzeitsreise.

Heute gilt Erdmann, der am Montagnachmittag im Alter von 83 Jahren verstorben ist, als Inspirationen für viele nachfolgenden Generationen. 1984/85 umrundete er mit der „Kathena Nui“ (nui ist polynesisch für groß, stark, unerschrocken) allein sogar nonstop die Welt und wiederholte den Trip 2000/2001 – diesmal westwärts, also gegen die vorherrschenden Winde. Weltweit war er erst der fünfte Segler, dem dies gelang. Fast 60 000 Kilometer lang war die beschwerliche Route und dauerte 343 Tage. „Eine Reise an die eigenen Grenzen“, nannte er das Abenteuer danach.

Während ihn auf See die vielen oft monströsen Stürme nicht stoppen konnten, zwang ihn der Krebs im vergangenen Jahr, seine Leidenschaft („Segeln ist alles“) aufzugeben.

Die Gewissheit, von seiner Frau Astrid, die er einst „im Hafen gefunden“ habe, zu Hause im kleinen Ort Goltoft an der Schlei in Schleswig-Holstein empfangen zu werden, habe ihm über manchen schweren Tag auf See geholfen, erinnerte er sich 2015 vor seinem 75. Geburtstag. Sie begleiteten ihn in den vergangenen Monaten auch in seinem schwersten Kampf.

Das Paar hatte viel zusammen erlebt, darunter auch die dreijährige Hochzeitsreise, die 1969 startete und vor allem von Idealismus und auch ein bisschen Naivität geprägt war. An Bord gab es beispielsweise kein Radar und keine Antennen. „Zum Glück waren Astrids Ansprüche so einfach wie das Schiff“, erzählte Erdmann danach. Das große Abenteuer endete mit einem noch größeren Knall – im positiven Sinne. Astrid wurde während der Fahrt schwanger. „Ich habe das schönste Andenken von dieser Fahrt mitgebracht, das eine Frau sich wünschen kann“, sagte sie später.

Weil so viele wissen wollten, wie aus ihm der Segler geworden ist, begann Erdmann seine Geschichte in Büchern zu erzählen. Bei seiner letzten großen Reise 2001 kam er in einen derart schlimmen Sturm, dass er bereits mit seinem „Leben abgeschlossen“ hatte. Rund zwanzig Jahre später konnte nicht einmal Erdmann das Ruder noch mal herumreißen.

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