„Wir Deutschen sind so weit weg“

von Redaktion

Sammer schwärmt von ManCity und Real – und sorgt sich um Bayern und Co.

VON HANNA RAIF UND MANUEL BONKE

München – Das mit den langen Wochen ist so eine Sache. Natürlich, die Ruhe, die ungewohnt viele Zeit für Training auf und Gespräche neben dem Platz, tun jedem Trainer und jeder Mannschaft gut. Aber Thomas Tuchel hätte auf all das auch gerne verzichtet. „Es ist die schlimmste Situation als FC Bayern, keine englische Wochen zu haben“, hatte der Coach kurz nach dem Aus in der Champions League gesagt. Nun, knapp einen Monat später, ist man halt Couch-Zuschauer, wenn die aktuell besten vier Teams des Kontinents um den Einzug ins Endspiel am 10. Juni in Istanbul spielen.

Matthias Sammer war vergangene Woche in Madrid und auch am Dienstagabend in Mailand, als TV-Experte ist der ehemalige Sportvorstand des FC Bayern deutlich näher dran, wenn die wichtigsten Spiele der Saison anstehen. Und die Eindrücke, die der 55-Jährige an diesen zwei Abenden gewinnen konnte, sind nachhaltig. „Ich war beeindruckt“, sagt Sammer gegenüber unserer Zeitung über all das, was beim 1:1 im Hinspiel zwischen Real und Manchester City passiert war, und schiebt einen Satz hinterher, den er nicht gerne sagt – der aber nachhallt. Er lautet: „Ich muss leider sagen: Davon sind wir Deutschen aktuell so weit weg!“

Sammer spricht damit nicht explizit den FC Bayern an, er bezieht sich auf den gesamten deutschen Fußball. Und man merkt dem Europameister von 1996 an, dass er diese Botschaft los werden will. Die bloße Statistik stützt seine These, denn die wunderbare Vorrunden-Bilanz mit vier deutschen Achtelfinal-Teilnehmern war eine Runde später schon wieder dahin. Letztmals beim Sieg in der Corona-Saison 2019/20 ist der FC Bayern als bester deutscher Vertreter über das Viertelfinale hinausgekommen. Auch heuer war Schluss, als ManCity der Tuchel-Elf in der Runde der letzten acht empfindlich die Grenzen aufzeigte. Der Stachel dieser Niederlage (0:3, 1:1) sitzt tief und wird in der Bewertung der turbulenten Saison eine große Rolle spielen. Dass man die Mannschaft von Pep Guardiola laut Tuchel „zwei Mal am Haken hatte“, kann die Bilanz nur bedingt schönen.

Für Sammer ist es kein Zufall, dass Teams wie Real und City seit drei Jahren ein Halbfinal-Abo haben. Von Real schwärmt er als „Mythos mit einem erfahrenen Präsidenten, einem erfahrenen Trainer, mit einer erfahrenen, aber doch auch mit einem guten Umbruch ausgestatteten Mannschaft“. Und City, das nach dem ersten Triumph in der Königsklasse lechzt, bezeichnet er als „außergewöhnlich gut“ – und zwar auf allen Ebenen. Es geht ihm da bedingt um Geld, sondern vielmehr um Strukturen, die zum Erfolg führen. Da wäre „ein gut geführter Verein“, der die Entwicklung der Mannschaft begünstigt hat. Da wäre etwa „super Trainer“ Guardiola, der in seinem Intimus Manuel Estiarte – schon von 2013 bis 2016 in München dabei – „noch jemanden an seiner Seite hat, der ihn atmen lässt“. Und da wäre vor allem der Wille, jeden Tag besser zu werden. Sammer sagt: „Die spielen zum Teil mit vier Kanten hinten, alles Innenverteidiger, taktisch also sind City und Pep sind für mich nach wie vor innovativ.“ Aber das Wesentliche sei, „ob diese Mannschaft funktioniert. Das tut sie!“

Er sieht da durchaus Parallelen zu den 2013er-Bayern. Aber er sieht seinen Ex-Verein auch nicht so weit weg wie die anderen deutschen Teams. Ob die richtigen Lehren gezogen wurden, lässt sich übrigens schon in der Saisonvorbereitung auf der Asien-Tour (24. Juli bis 3. August) prüfen. Eine Woche, bevor in Singapur der FC Liverpool wartet (2. August) trifft das Team von Tuchel am 26. Juli in Tokio auf ManCity. Endlich wieder Stress – und keine langen Wochen.

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