von Redaktion

München – Seit zwei Wochen dürfte kaum jemand öfter auf dem Bildschirm auftauchen als Rick Goldmann (47). Der ehemalige Eishockey-Nationalspieler ist bei der WM als Kommentator mit Basti Schwele und als Experte bei Jana Wosnitza im Sport1-Studio im Dauereinsatz – mit bis zu drei Spielen pro Tag. Und selbstverständlich auch am Samstag wieder (17.20 Uhr), wenn die deutsche Mannschaft, für die er selbst 126 Einsätze hatte, gegen die USA um den Einzug ins Finale spielt. Wir sprachen mit Rick Goldmann, der zum 15. Mal eine WM in der Rolle des Erklärers begleitet.

Deutschland und nun auch noch Außenseiter Lettland im Halbfinale der Eishockey-WM, der Weltranglisten-Erste Finnland hingegen ausgeschieden – erleben wir gerade eine Zeitenwende?

Das glaube ich nicht. Die Finnen haben diesmal einfach nicht ihr Spiel auf den Weg gebracht, das sie in den vergangenen Jahren auszeichnete. Und bei den Letten muss man sehen: Sie spielten in Riga, also zuhause, und die Euphorie, last minute das Viertelfinale erreicht zu haben, hat sie getragen. Was man aber schon erkennt: Wenn die sogenannten großen Nationen ihre großen Spieler nicht dabeihaben, wächst das Feld der großen und mittleren Nationen zusammen.

Erklären Sie uns: Warum sind die Deutschen nun so gut? Die Vorbereitung mit mehr Niederlagen als Siegen ließ das nicht erahnen.

Der Vorbereitungs-Kader hat mit dem jetzigen nicht viel zu tun, es sind allein in der letzten Phase nach dem DEL-Finale noch zehn Spieler dazugekommen. Was die Mannschaft jetzt erreicht hat, das hat – ohne dass ich die Arbeit von Trainer Harold Kreis schmälern will – mit der Vorleistung seiner Vorgänger Marco Sturm und Toni Söderholm zu tun. Die Art und Weise, wie Deutschland als Team spielt, an sich glaubt, sich im Verlauf des Turniers steigert, das ist gewachsen. Harry Kreis hat das erkannt und lässt der Mannschaft diesen Freiraum, um sich zu entfalten.

Im Nachhinein war der Spielplan mit den drei schwersten Partien dann doch genau das Richtige, das die guten Seiten der Mannschaft hervorbrachte?

Im Nachhinein ja, im Vorhinein sicher nicht. Es war aber genau so, dass Deutschland nach drei Niederlagen keine Wahl hatte, als die Sinne zu schärfen und unter Druck abzuliefern. Ab dem vierten Spiel gegen Dänemark herrschte im Kopf K.o.-Phase. Da findest du dann Wege, die Spiele zu gewinnen. Durch die individuelle Klasse der Spieler und dadurch, dass die Rollen im Team aufgehen. Das ist die Synergie, die sich ergibt – und ja, sie ist auch durch den Spielplan entstanden.

Einige Zeit wurde ja hoffnungsvoll diskutiert, ob Leon Draisaitl kommt nach dem Ausscheiden mit den Edmonton Oilers in den NHL-Playoffs. Ist es nach dem Erreichen des Halbfinales statthaft, sich ein Team mit ihm obendrauf vorzustellen?

Es ist vor allem unnötig. Auf der einen Seite macht er eine Mannschaft besser, auf der anderen ist er nicht da und die Mannschaft trotzdem im Halbfinale. Es ist ein Thema, das man im Fußball über Tage ausschlachten würde – muss im Eishockey nicht sein. Es ist eine ehrliche Sportart, und die Mannschaft spielt ehrlich.

Was auffällt: Deutschland hat mit knapp 14 Prozent die höchste Schusseffizienz. Dabei galt der Abschluss als deutsche Krankheit. Der große Erich Kühnhackl monierte mal, deutsche Spieler würden vor allem irrsinnig draufhauen, aber Präzision und Schnelligkeit vermissen lassen. Hat sich das durch bessere Ausbildung oder den Einfluss von NHL-Spielern, die es gewohnt sind, nicht lange zu fackeln, geändert?

Es ist eine Kombination. Bei John Peterka und Nico Sturm, unseren NHL-Angreifern, ist es eine Qualität. Aber die Quote resultiert auch aus der Spielweise. Durch Geradlinigkeit und Schnelligkeit bringst du dich in bessere Schussposition. Bei der WM 2022 hat die deutsche Mannschaft in dieser Statistik übrigens auch schon geführt. Und als eine der kleineren Nationen braucht man das auch.

Sie erwähnten schon den neuen Bundestrainer, Harold Kreis. Muss man ihn in eine Reihe stellen mit Marco Sturm, dem Silberschmied von Olympia 2018, und Toni Söderholm, der 2021 das WM-Halbfinale erreichte?

Das muss man schon aufgrund des Ergebnisses. Harry hat eine sehr charmante Weise nach außen und eine klare Vorstellung nach innen, er setzt auch mal einen NHLer (Peterka, d. Red.) für ein Drittel auf die Bank, wenn er der Meinung ist, dass er in dieser Situation etwas anderes braucht. Das ist hartes Coaching und trägt ihm Respekt in der Mannschaft ein. Der Gentleman mit den klaren Grenzen ist also sogar eine klare Fortführung – die Spielweise der Mannschaft ist dabei unverändert, vielleicht sogar noch gereifter. Die Spieler haben mehr Raum und nutzen ihn durch smarte Entscheidungen.

Kreis scheint gut gescoutet zu haben. Alle staunen über den Ingolstädter Wojciech Stachowiak, der mit einem Länderspiel zur WM kam und einer der Leistungsträger wurde.

Die Zusammenstellung der Mannschaft ist extrem smart – und es gab ja wirklich Fragezeichen. Harold Kreis’ Attribute waren klar: Er wollte schnelle Spieler und er hatte klare Rollen vorgesehen. Die verwischen nun etwas, weil auch die für Unterzahl-Arbeit vorgesehenen Spieler Tore machen – aber das ist eine perfekte Kombination.

Die Mannschaft hat noch zwei Spiele sicher, Halbfinale am Samstag, kleines oder großes Finale am Sonntag. 2010 und 2021 war in dieser Situation ein Substanzverlust spürbar. Wie hoch ist das Energielevel 2023?

Das Viertelfinale war wieder eine Steigerung zu den Spielen davor, das letzte Drittel gegen die Schweiz defensiv perfekt. Da habe ich Parallelen zu Finnland gesehen, als sie Weltmeister und Olympiasieger wurden. Es war bei den Deutschen zu keinem Zeitpunkt zu erkennen, dass sie mental oder körperlich nachlassen würden – die Schweizer hingegen waren platt. Ich sehe keinen Verschleiß, sondern einen stringenten Aufwärtstrend. Die Mannschaft ist gestärkt.

Ausblick auf die USA: Gegen die verlor man klar im letzten Testspiel in München, 3:6, aber schon knapper bei der WM, 2:3.

Ja, es gab eine Steigerung, das Spiel in der Vorrunde war das beste der deutschen Mannschaft gegen eine der großen Nationen. Gegen die Amerikaner brauchst du die körperliche Energie, denn sie sind das laufstärkste Team mit einem brutalen Abschluss – und sie stellen sich am besten auf den Gegner ein. Man kennt diesen Gegner nun sehr genau – und für mich ist es nicht so, dass Erfolg mit Erreichen des Halbfinales endet.

Konkret?

Das deutsche Energielevel ist so hoch, dass man die USA realistisch besiegen kann. Es wäre die erste WM-Medaille seit 70 Jahren. Ich glaube, Deutschland kommt mit etwas heim – und nicht mit dreckiger Wäsche.

Den haben Sie vorbereitet!

Der fiel mir spontan ein. Aber er ist gut, vielleicht verwende ich ihn auf dem Sender.

Wie am Donnerstag im Zusammenhang mit der Schweiz den „roten Panikbus“.

Da kam ich drauf wegen der roten Trikots der Schweizer.

Es ist die 15. WM in Folge für Sie als Fernsehmann. Das Programm lautet „Rick around the clock“. Dabei haben Sie auch noch ein Berufsleben, betreiben in München zwei Praxen für Physiotherapie.

In der Früh schau ich da mal eine Stunde nach, ob noch alle da sind und noch therapiert wird… Wir haben da ein gutes Team, ich habe volles Vertrauen und bin stolz darauf, dass wir das so hinkriegen.

15 Jahre hatte Sport1 die Eishockey-WM im Angebot, das ist nun das letzte Mal, ProSieben übernimmt dann.

Es war eine schöne Zeit, es sind Freundschaften entstanden im Sender. Ich denke, es wird gut weitergehen, und ich bleibe dem Eishockey erhalten.

Interview: Günter Klein

Artikel 1 von 11