„Das uneheliche Kind von Nowitzki und Nash“

von Redaktion

Nikola Jokic wurde in der NBA einst belächelt – jetzt greift er mit Denver nach dem Titel

Denver – Die NBA wird seit jeher regiert von semi-mystischen Figuren. Von Superhelden wie Michael Jordan und LeBron James. Gestalten, die ein parareligiöser Kult umgibt. Vergöttert, verehrt, manchmal verflucht. Und dann gibt es Nikola Jokic, geboren um Basketballer zu sein, auch wenn er selbst lieber Pferdezüchter wäre. Irgendwann wird er wieder verschwinden, zu seinen Pferden heimkehren, wie er das jeden Sommer macht.

Mit etwas Glück findet man ihn auf einem Sulky in seiner Heimat Sombor. Eine Stadt in Serbien, die ist wie Nikola Jokic: langsam und entspannt. Das sagen alle, die einmal dort gewesen sind. Niemand repräsentiert Sombor – 60 000 Einwohner, zwei Fahrstunden von Belgrad entfernt – besser als dieser 2,11 Meter große Riese, der die Denver Nuggets gerade zum ersten Mal in ihrer Geschichte ins Finale der NBA geführt hat und zufällig auch noch der beste Basketballer der Welt ist.

In den Staaten hat das lange Zeit nicht jeder wahr haben wollen, obwohl Jokic (28) zweimal hintereinander zum wertvollsten Spieler (MVP) der Vorrunde gewählt worden war. Zum einen hat das mit Denver zu tun, ein für US-Verhältnisse kleiner Markt.

Andererseits zweifelten selbst profilierte Experten an, dass diese ganzen Rekorde und Fabelzahlen, die er Nacht für Nacht produziert, wahrlich der Beweis für seine Großartigkeit sind. Viele konnten einfach nicht glauben, dass einer, der so aussieht wie Nikola Jokic, der Beste ist unter diesen Herakles-Körpern. In den Playoffs gelangen ihm bisher 30 Punkte, 14 Rebounds und 10 Vorlagen im Schnitt. Sein Trainer Michael Malone erinnerte nach dem 4:0-Halbfinaltriumph über die Los Angeles Lakers daran, wie er mit 136 Kilogramm auf den Rippen zum ersten Mal in den Staaten auftauchte. Seine früheren Mitspieler vom Ausbildungsklub Megabasket beschrieben ihn so: „Fett aber höflich.“ Und natürlich unglaublich begabt.

Mit 15 Jahren dominierte Nikola Jokic ausgewachsene Mannsbilder in der Vierten Liga. Wie? Das beschriebt am schönsten Tim MacMahon, Reporter vom Fernsehsender ESPN aus Dallas. „Er ist das uneheliche Kind von Dirk Nowitzki und Steve Nash“, scherzt er. Aufbauspieler Nash war bekannt für seine Zauberpässe, für seine Gabe, Situationen vorauszusehen. Nie hat es einen besseren Spielmacher auf der Center-Position gegeben als Jokic. Mit Nowitzki teilt der Serbe die Fähigkeit, aus unmöglichen Lagen hochprozentig zu treffen. Jokic hat sogar Nowitzkis Flamingo-Fadeaway – einen Wurf auf einem Bein im Zurückfallen – adaptiert. Seine Version trägt einen eigenen Namen (den Sombor-Shuffle) und unterscheidet sich nur darin, dass Jokic mit dem rechten statt dem linken Bein abhebt. Kurzum, der Mann ist ein Offensiv-Genie.

Trotzdem sah niemand kommen, dass sich das übergewichtige Kind aus Sombor einmal zum König des Basketballs krönen würde. Wie die Nuggets ihn 2015 an 41. Stelle der Talentziehung pickten, lief Werbung. Jokic’ Gesicht bekam der geneigte Fan nicht gezeigt, wohl aber einen vorzüglichen Käse-Hackfleisch-Burrito. Selbst als die Nuggets ihren Diamanten zu schleifen begannen, konzertierte sich die NBA lieber auf seine Limitationen. Man lästerte über sein Gewicht, seine Schwäche in der Defensive. Längst hat er die Kritik neutralisiert.

Für Denver ist Jokic, was Nowitzki für Dallas war: ein Held, ein Idol und ein Wächter der Werte. „Inat“ nennen sie auf dem Balkan den Charakterzug, über den sie sich definieren. Man könnte es so erklären: „Inat“ ist ein Mix aus Hartnäckigkeit, Sturheit und Trotz. Mit dieser Mentalität erziehen sie in Serbien ihre Kinder – und Jokic sein Team. Damit sind sie vorbeigekommen an den extraterrestrischen Stars Kevin Durant und LeBron James. Nikola Jokic würde sich nie über seine Teamkollegen heben. Die Nuggets sind die zweite Familie, die Jokic erschaffen hat. Seine Blutsverwandtschaft sitzt Spiel für Spiel auf der Tribüne, die Brüder, seine Frau samt Tochter. Vor jedem Spiel bindet er sich den Ehering an die Schnürsenkel. Dann wird er zum Basketballmonster, das nach dem Titel greift. ANDREAS MAYR

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