Ein Lob dem Eishockey

Die Saison der Beharrlichkeit

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Dieser Kommentar ist überfällig: ein Lob auf die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft – und überhaupt auf das Eishockey. Hätte schon früher erscheinen müssen. Doch leider: Am Vizeweltmeister-Wochenende funkte der Fußball dazwischen. Legitimerweise mit seiner Letzter-Spieltag-Dramatik in der Bundesliga, allerdings auch – Unverschämtheit – mit seinem raum- und bedeutungsgreifenden Bauern… pardon Bayern-Theater. Schon absurd: Im Fußball wurde von drohenden Schlägereien (Kahn vs Dreesen) geunkt, im angeblichen Schläger-Sport Eishockey wurde einfach nur gespielt.

Feine Sache jedenfalls, was das Eishockey da bei der WM in Finnland und Lettland hingestellt hat – und vor allem ein Lehrstück für den gesamten Sport, dass für das Gelingen eines Vorhabens nicht immer die ersten Meter entscheidend sind, sondern Beharrlichkeit eine immense Rolle spielt. Das war so in diesem mit drei Niederlagen begonnenen und zum fast perfekten Ende gebrachten Turnier – und es gilt für die Saison mancher Beteiligter.

Ein Blick in den Coaching Staff. Harold Kreis, den alle als souveränen Leiter der Gruppe priesen, sozusagen die Idealbesetzung eines Bundestrainers, ist 64 und hat Jahrzehnte auf diese ultimative Wertschätzung warten müssen. Seine Lebensplanung hatte den Bundestrainerposten nicht mehr vorgesehen, nach vier soliden Jahren in Düsseldorf war er erst zu dieser Saison zu einem kleineren Club, den Schwenninger Wild Wings, gewechselt. In der Liga enttäuschte er mit Platz 12 und war wohl froh, dass der Verband ihn aus diesem Arbeitsverhältnis erlöste. Ein Co-Trainer, den Kreis sich zur WM holte, war Pekka Kangasalusta, der zuvor versucht hatte, die Bietigheim Steelers zu retten. Misslang komplett, der Finne brachte Bietigheim nicht vom letzten Platz weg. Ein paar Wochen später ist er Vizeweltmeister-Co-Trainer und hat einen Job beim Deutschen Meister München – wieder als Assistent – bekommen. Und dann gehörten dem WM-Team auch einige frustrierte Berliner Spieler an. Der Meister von 2021 und 2022 hatte 2023 die Playoffs verpasst. Doch im Eishockey hat man die Mentalität, sich zum Neuanfang zu zwingen. Saison gerettet.

Folgerichtig kommt aus dem Eishockey auch die verrückteste Trainer(miss)erfolgsgeschichte 2022/23. Der Schotte Peter Russell, bislang in der DEL2 tätig gewesen, fing im Sommer ’22 beim Erstligisten Augsburg an, agierte komplett glücklos und wurde einen Tag vor Heiligabend gefeuert. Zwei Wochen später übernahm er wieder bei seinem alten Club Ravensburg und führte den zur Meisterschaft in der DEL2 (was Augsburg vor dem Abstieg rettete). Kaum war Russell mit den DEL2-Playoffs durch, coachte er auf ehrenamtlicher Basis das Nationalteam von Großbritannien zum Aufstieg in die Weltmeisterschafts-A-Gruppe. Zur nächsten Saison übernimmt er die Cardiff Devils, die in der Champions League spielen werden.

Kennt der Fußball eine solche Geschichte? Nein. Fußball ist halt nicht alles.

Guenter.Klein@ovb.net

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