Einmal noch „Olympia in vollem Umfang erleben“

von Redaktion

Erster Weltcup der Slalomkanuten – die Deutschen sind nach medaillenreichen Jahren zu den Gejagten geworden

VON GÜNTER KLEIN

Augsburg – Die Olympischen Spiele 2021 in Tokio: Fantastisch abgeschnitten. Einmal Gold, dreimal Bronze für die Deutschen, Medaillenglanz somit in jeder Bootsklasse. Die Weltmeisterschaft 2022 in Augsburg: Sportlich noch besser mit drei Einzeltiteln und diversen Podiumsplatzierungen. Im Kanuslalom war Deutschland immer gut dabei, in den vergangenen Jahren aber so erfolgreich, dass Bundestrainer Klaus Pohlen sagt: „Wir sind vom Jäger zum Gejagten geworden. Dieses Jahr müssen wir uns verteidigen.“

Nun beginnt die neue Saison. Mit einem Weltcup in Augsburg von Donnerstag bis Sonntag, an der Strecke von 1972, wo die Sportart olympisch debütierte. Vorigen Sommer wurde das 50-jährige Jubiläum mit der WM gefeiert an „The Eiskanal“, wie es Jessica Fox (28) fast akzentfrei ausdrückt. Die Australierin ist das Covergirl des Wildwassers: Sie fährt Kajak und Canadier plus den Cross-Wettbewerb (wird 2024 olympisch), sie hat einen Red-Bull-Werbevertrag. Die WM 2022 nennt sie „die beste, die ich erlebt habe“. Augsburg sei die Mutter aller Kanustrecken.

Ricarda Funk (31), Olympiasiegerin und Weltmeisterin, erklärt, man habe hier „monsterviel Spaß“ und sie auf den Weltcup „Mega-Bock“. Sideris Tasiadis (34), der nach Olympia-Medaillen von 2012 (Silber) und 2021 (Bronze) in seiner Heimatstadt 2022 den Weltmeister-Titel holte, erinnert sich an die WM-Läufe im ausverkauften Kanupark am Lech: „Wir versuchen, das zu repeaten.“

2023 ist schon wieder ein vorolympisches Jahr, Paris 2024 greifbar nahe. Ricarda Funk möchte „Spiele in vollem Umfang erleben“, 2021 in Tokio war es eine „abgespeckte Version“ ohne Zuschauer. Ja, auf dem Wasser nimmt man schon wahr, ob draußen was los ist. Andrea Herzog (23) aus Leipzig, Canadier-Bronze in Tokio, sagt, in Augsburg sei es „so laut gewesen, dass ich meine eigenen Gedanken nicht mehr mitbekommen habe“. Auch sie wurde Weltmeisterin vor einem Jahr und positionierte sich für Olympia.

Sideris Tasiadis, Polizist, hat sich Paris 2024 vorgenommen, „weil es meine vierten Spiele wären“. Und er immer besser geworden ist. Ein „herausragendes Talent“ nennt Bundestrainer Pohlen ihn, er ist davon angetan, wie Tasiadis ständig nach neuen Trainingsreizen sucht. Aktuell: „Augenkoordinations- und Reaktionstraining am Bildschirm in einem Therapiezentrum“, so der Stechpaddel-Spezialist.

Angeführt von Tasiadis, Funk und Herzog pflügen die deutschen Kanuten durch Wildwasser und Slalomstangen – doch die Garantie, bei Olympia zu starten, hat keiner. Nirgendwo sind die Qualifikationskriterien so strikt. Wie bei der WM geschehen, könnte der Deutsche Kanu-Verband auch mal zwei Athlet(inn)en aufs Stockerl bringen, doch bei den Olympischen Spielen gibt es pro Nation und Boot nur einen Startplatz. Und selbst den muss man sich erst erpaddeln. Tasiadis: „WM ist Mitte September in London, da gibt’s die ersten Punkte, geht es um die ersten Quotenplätze.“ Wenn beispielsweise er als Platzhirsch den Startplatz für Deutschland einfährt, bedeutet das noch nicht, dass es auch sein persönlicher ist. „2024 haben wir dann die deutschen Qualifikationsrennen: zwei in Augsburg, zwei in Markleeberg.“ Härter kann Auslese nicht sein. „Aber das ist auch gut so“. meint Ricarda Funk.

Seit 1992, als Kanuslalom nach 20-jähriger Pause wieder olympisch wurde, wird im Verband Leistungsdiagnostik betrieben. „Wir haben Terabyte von Daten“, sagt Sportwissenschaftler und Bundestrainer Klaus Pohlen (62), der 16 Jahre (2003 bis 19) in München den Olympiastützpunkt Bayern leitete. In Augsburg wird mittlerweile jede Trainingsfahrt von drei festinstallierten Kameras aufgezeichnet, „wir haben ein Sofortinformationssystem installiert“.

Trotz detaillierter Auswertung bleibt die Strecke unberechenbar. Wenn die eingebauten Betonhindernisse ab und an gereinigt und vom Moosbesatz befreit werden, fließt das aus dem Lech abgeleitete Wasser anders, wird der Kurs viel schneller. Ricarda Funk: „Die Strecke ist superspeziell.“ Am Ende gilt dann, wie Klaus Pohlen es formuliert: „Die Wahrheit liegt im Wasser.“

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