München – Die Reaktion von Martina Rummenigge war in den letzten Wochen immer die gleiche. Sie war zu deuten als ein eindeutiges „Bitte nicht!“, wenn wieder einmal jemand fragte, ob ihr Gatte Karl-Heinz womöglich für eine Rückkehr zum FC Bayern zu haben wäre. Das Szenario wurde in der Familie diskutiert, und irgendwann kam der Moment, in dem auch der Ehefrau bewusst wurde, was passieren würde. Wenn Karl-Heinz Rummenigge gebraucht wird, will er auch da sein. Das war schon in der Task Force des DFB so – und das gilt für seinen Herzensverein erst recht.
Die Mitteilung, die der FC Bayern am Dienstag verschickte, war nur noch eine Formalie. Um 17.16 Uhr ging sie raus, gut 35 Minuten, nachdem Rummenigge vor der Allianz Arena vorgefahren war, um in sich in der turnusmäßigen Aufsichtsratssitzung zum neunten Mitglied des Kontrollgremiums berufen zu lassen. Ein paar warme Worte, dann galt die Konzentration dem Wesentlichen: einem Weg, dem Branchenprimus wieder jene Stabilität einzuhauchen, die ihn in weiten Teilen der Ära Rummenigge/Uli Hoeneß ausgezeichnet hat. Auf allen Ebenen.
„Wichtig ist, dass im Club wieder gewisse Werte gelebt werden, die für den FC Bayern immer sehr wichtig waren. Harmonie, Loyalität, Atmosphäre, die müssen wir zurückbringen“, sagte Rummenigge gestern der dpa. Es waren die ersten Worte, die der 68-Jährige seit mehr als drei Monaten über den FC Bayern verlor; er hatte sich zurückgezogen und sein eigenes Bild gemacht. Das Ergebnis: Rummenigge will seinem Club in der großen Krise „zur Seite stehen“, wie er sagt. Er stellt aber auch klar: „Ich werde nicht operativ eingreifen.“ Er will so wirken, wie es von einem Aufsichtsrat verlangt wird. Im Hintergrund, nicht in erster Reihe am Verhandlungstisch.
Das sollen andere machen, CEO Jan-Christian Dreesen und ein neuer Sportvorstand, der laut Rummenigge „zügig“ präsentiert werden soll. Dreesen steht dabei „für einen Paradigmenwechsel“, Rummenigge hält ihn „zu 100 Prozent qualifiziert und für den absolut richtigen Mann, um das große Schiff Bayern München wieder auf Kurs zu bringen“. Das wurde auch in der Aufsichtsratssitzung deutlich.
Die Runde aus berichtenden Vorständen und Aufsichtsräten richtete den Blick nicht lange zurück, sondern nach vorne. Eine gute und konstruktive Sitzung, so erfuhr unsere Zeitung, sei da vonstattengegangen; die Rollen und Aufgaben sind nun klar verteilt. Auch das Thema Transfers stand auf der Agenda. Im Sturm werde man sich „sicherlich umschauen“, vor allem aber geht es Rummenigge um Mentalität und Hierarchien: „Man muss nicht immer hunderte Millionen Euro in den Transfermarkt blasen. Es muss vielmehr eine funktionelle Mannschaft sein.“ Rummenigge wird dabei helfen, diese zu finden. Und er will dem Verein „Ruhe“ zurückgeben. Sein Credo: „Die Mannschaft muss das Vertrauen in den Club haben – und der Club in die Mannschaft.“
An der Säbener Straße wurde die Rückkehr überaus positiv aufgenommen. Man freut sich auf den Hauch von westfälischer Wärme – und nette Gespräche, auf dem Flur wie in der Kantine. All das hat vielen seit Rummenigges Rückzug gefehlt. Schon beim sogenannten „On-Boarding-Prozess“ mit Kahn merkte der damals scheidende Boss, dass die Interessen seines Nachfolgers anders gelagert sind. Kahn verschloss sich zu Beginn genauso wie später, als er die wenigsten Türen, die Rummenigge ihm in die große Fußball-Welt öffnete, durchschritt. Kontakte zu den hohen Herren in Gremien und Verbänden, aber auch wichtigen internationalen Großclubs pflegte Rummenigge weiter, während Netzwerken auf Kahns Agenda kaum eine Rolle spielte. Das fiel auf, das stieß sauer auf. Sowohl bei Rummenigge als auch bei Hoeneß. Im Aufsichtsrat will das starke Duo nun die Weichen für einen besseren Übergang in eine Zeit nach ihm stellen.
Ein Nachtreten gegen Kahn verbittet er sich: „Über Oliver möchte ich nichts Negatives sagen. Ich spüre seit 2001 eine große Dankbarkeit ihm gegenüber.“ Rummenigge weiß, was schief gelaufen ist, vor allem aber weiß er, was von ihm verlangt wird. Schnelle Hilfe, der Blick fürs Wesentliche. Dass ihr Gatte das gut kann, musste selbst Martina sich eingestehen. Er ist ein Mann von Welt – und noch kein Ruheständler.