Der amerikanische Traum aus Florida

von Redaktion

Die Miami Heat erreichten als krasse Außenseiter das NBA-Finale

Miami – Irgendjemand hätte auch einmal auf den guten Mann hören können. Voriges Jahr, als die Miami Heat auf höchst dramatische Weise in Spiel sieben gegen Boston im Halbfinale kenterten, stellte sich ihr Anführer Jimmy Butler vor das Team und versprach: „Nächstes Jahr werden wir an der gleicher Stelle zurück sein – und es weiter schaffen.“ Man hätte das als die übliche Manieriertheit der NBA-Alphatiere abtun können, aber Jimmy Butler meinte das Ernst. Der Mann hat zu viel mitgemacht in seiner Karriere, um mit Worthülsen um sich zu werfen. Seinen Vater hat er nie kennen gelernt, mit 13 Jahren schmiss ihn seine Mutter zuhause raus. Seine Absichtserklärung für die Bewerbung an der Universität Marquette faxte er aus einem Mc’Donald’s-Restaurant. Diese Kindheit hat Butler geformt zum vielleicht schroffsten und zähsten aller NBA-Superstars. Der passende Mittelpunkt eines Vereins, der genau diese Werte vorlebt und einfordert.

Die Miami Heat stehen zum siebten Mal in den Finalspielen der NBA. Nur hat diesmal fast niemand mit ihnen gerechnet. Eine ziemlich verkorkste Saison mit vielen Verletzungen und Niederlagen wäre beinahe im Qualifikationsturnier vor den Playoffs zu Ende gewesen. Nach einer Niederlage gegen Atlanta lag Miami auch im zweiten Quali-Spiel gegen Chicago kurz vor Ende noch hinten. Die Heat waren dem Abriss des Kaders näher als den Finals. In der Nacht auf Donnerstag, wenn die Endspielserie gegen Denver beginnt, sind seitdem exakt 46 Tage vergangen. 46 Tage für die Ewigkeit, so viel steht bereits fest.

Was sich in Süd-Florida dieser Tage abspielt, hat es noch nie gegeben. Sowohl in der Basketballliga NBA, als auch der Eishockeyliga NHL beförderte das achtplatzierte Team den Vorrundenmeister aus den Playoffs. Beide Cinderellas kommen aus Florida. Nun stehen die Miami Heat wie die Florida Panthers aus Sunrise (40 Minuten entfernt) im Finale und haben die Liebe zueinander entdeckt. Jimmy Butler, der Mann für die großen Momente bei den Heat, zeigte sich im Trikot von Matthew Tkachuk, dem Star und Toregaranten der Panthers. „Unsere Jungs hat das mächtig motiviert“, sagt Tkachuk. Die Parallelen sind nicht wegzudiskutieren. Zwei höchst emotionale Anführer geleiten ihr Team als krasseste Außenseiter ins Endspiel. Solchen Stoff lieben sie in den Staaten.

Wobei das im Fall der Miami Heat durchaus plausibel zu erklären ist. Bei all dem sportlichen Misserfolg dieser Saison: Nirgends hat ein Verein eine derartig nachhaltige Kultur installiert. Gerne macht man sich über das ausgelutschte Mantra der „Heat Culture“ lustig. Halb aus Ehrfurcht, halb aus Angst. Mit Pat Riley führt eine Don Corleone gleiche Figur den Club seit den 1990ern. Riley war als Spieler, Trainer oder Manager nun an 25 Prozent aller Finals beteiligt, die die NBA jemals ausgespielt hat. Disziplin ist oberstes Gebot. Wer unfit erscheint, wird kasteit. Niemand in Miami, nicht einmal die übermenschlichen Superstars, dürfen sich über das System heben.

Mit Erik Spolstra beschäftigen die Heat den besten Trainer, der aus kaum bekannten Rohtalenten wertvolle Puzzleteile formt und gegnerische Coaches mit seiner taktischen Finesse wie Anfänger aussehen lässt. Auf dem Weg ins Finale bezwang Miami nacheinander das beste (Milwaukee), fünftbeste (New York) und zweitbeste Team (Boston) im Osten. Ins Finale starten die Heat als krasser Außenseiter. Aber das waren sie auch gegen Boston: drei Prozent Siegchance, sagten die Buchmacher. Der Rest ist Historie. ANDREAS MAYR

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