Die Leipziger Spieler stürmten die Pressekonferenz und übergossen Trainer Marco Rose mit Bier. Der erste Gedanke, als das Video dieser Szene die Runde machte: Ach, hat Red Bull eine Brauerei aufgekauft und jetzt auch mehr als thailändischen Energy Drink im Produkt-Portfolio? Man will den Beteiligten am zweiten Pokalerfolg von Leipzig natürlich nicht die Aufrichtigkeit der Freude über ein berufliches Gelingen absprechen, und wahrscheinlich geht es in dieser Mannschaft auch nicht weniger gesellig als in anderen zu – doch alles, was aus diesem Umfeld kommt, steht halt unter dem Verdacht, Teil einer Marketing-Mission zu sein. Dürfte inzwischen jeder mitbekommen haben: Gegründet wurde der Fußballclub mit dem ausschließlichen Zweck, ein Getränk zu bewerben, nach Leipzig kam das Projekt nicht als Bekenntnis zum deutschen Osten, sondern nach Absagen aus München, Hamburg-St. Pauli und Düsseldorf.
Sportlich hat sich Rasenballsport Leipzig schnell etabliert, das Argument, andere Clubs hätten mit dem zur Verfügung gestellten Geld weniger erreicht, ist nach den Erfahrungen mit dem Fall Lars Windhorst in Berlin auch nicht von der Hand zu weisen – normale Anerkennung genießt Leipzig trotzdem nicht. Nur zu bereitwillig nimmt man die Indizien wahr, die den Zweifel an der Akzeptanz des Konstrukts selbst in seiner eigenen Region nähren: Nicht in Anspruch genommene Ticket-Kontingente bei Europacup-Auswärtsspielen, geschönte Zuschauenden-Zahlen bei Bundesliga-Heimpartien – oder jetzt beim Pokalfinale die im Vergleich zu Eintracht Frankfurt weitaus geringere Wahrnehmbarkeit in Berlin. Sowie: Als repräsentierende Vereinsikone muss RB jemanden aufbieten, der nie für RB gespielt hat und nur vage für „den Osten“ steht (Perry Bräutigam). Lächerlich.
Allerdings: Einen Moment stiller Sympathie durfte Leipzig diese Saison erleben. Als es am vorletzten Spieltag beim FC Bayern gewann und dadurch die Option eines anderen Meisters schuf, wurde in Dortmund, wo man RB-Fans schon mal ans Leder gegangen war, beifällig genickt. Vielleicht sollte der Rasenballsport in der externen Kommunikation seine Rolle in der Beziehung zum FC Bayern stärker herausarbeiten. Nämlich: Man wird von den Münchnern ausgebeutet. Die kaufen Spieler (Upamecano, Sabitzer, Laimer) weg, den Trainer (Nagelsmann) – und nicht mal den frisch gekommenen Manager (Eberl) gönnen sie einem. Motto: Alle schimpfen sie auf uns – doch den Kühlschrank räumen sie leer. Gut, dass noch etwas Bier drin war.
Guenter.Klein@ovb.net