Und welche Mannschaft war die beste?

von Redaktion

Manche Erfolge wurden auf deutsche Art erspielt, andere mit erstaunlicher Kreativität

VON GÜNTER KLEIN

Viermal war die deutsche Fußball-Nationalmannschaft Weltmeister, zudem dreimal Europameister – Titel sind unumstößlich, ein Argument für Qualität, das nicht zu widerlegen ist. Doch Turniere bilden immer auch nur einen Ausschnitt ab, ein paar Wochen, um die sich nicht zwangsläufig eine Ära ranken muss. Wenn man auf die Suche nach der besten deutschen Nationalmannschaft geht, die es je gab, muss man einige Teams ausklammern, obwohl sie einen herausragenden Erfolg erzielten.

Die Weltmeister von 1954

Sie leisteten Schubkraft für die Entwicklung der jungen Bundesrepublik, eine Nation, die sich aus den Kriegstrümmern erhob, die sie selbst zu verantworten gehabt hatte, traute sich, wieder bei der Weltgemeinschaft anzuklopfen – doch rein sportlich war der Erfolg keine Zwangsläufigkeit. Trendsetter der damaligen Zeit waren die Ungarn und dass sie das Endspiel von Bern gegen Sepp Herbergers Mannschaft 2:3 verloren, auch ein Resultat zu großer Siegesgewissheit. Die Deutschen lebten von der Schläue ihres Trainers und von der Atmosphäre im Team, das sich in der Sportschule Grünwald und im Quartier, dem Hotel Belvedere im schweizerischen Spiez fand.

Die Europameister von 1980

Der Trainer war neu damals – Jupp Derwall, die väterliche „Silberlocke“, hatte zwei Jahre zuvor von Helmut Schön übernommen. Zur EM nach Italien nahm er die herausragenden Talente Lothar Matthäus (noch ohne Länderspiel) und Bernd Schuster mit, und man mochte für einen Moment glauben, hier entstünde etwas dauerhaft Großes. Das vergleichsweise kleine Turnier mit acht Mannschaften, die in ziemlich leeren Stadien spielen mussten, gewannen die Deutschen, doch obwohl 1982 (unter Jupp Derwall) und 1986 (unter Teamchef Franz Beckenbauer) das WM-Finale erreicht wurde, war der deutsche Fußball kein Gütesiegel. Bernd Schuster, der ihn hätte besser machen können, bockte, Lothar Matthäus brauchte zehn Jahre, bis er sein Talentversprechen vollends eingelöst hatte.

Die Europameister von 1996

Der deutscheste aller Titel, realisiert mit Mentalität und den wunderheilenden Händen der medizinischen Abteilung. In England stand das deutsche Team oft am Abgrund, der Kader wurde durch unglückliche Umstände so ausgedünnt, dass vor dem Finale die Ersatztorhüter für alle Fälle Feldspielertrikots bekamen und noch Spieler nachnominiert werden durften – aber: Turniermannschaft halt. Man gewinnt dann auch ein Elfmeterschießen (Halbfinale gegen England) und wechselt im Endspiel das Glück ein (Oliver Bierhoff). Ein letztes großes Aufbäumen, dem oft verkrampften Trainer Berti Vogts gönnte jeder seine befreite Verbeugung in Wembley – doch es war da schon spürbar: Die Deutschen standen nicht mehr an der Spitze der Entwicklung im Fußball. Wann aber waren sie so richtig gut, eine würdige Nummer eins der Welt? Nun, es gab drei Phasen – und drei große Generationen.

Die Europameister von 1972

In der Literatur, die es im Fußball gibt, werden sie als das beste Team, das der DFB je hatte, bezeichnet. Die EM 1972 war für diese Mannschaft ein eigentlich zu kleines Format, die Endrunde eine Sache von ein paar Tagen – mit einem Halbfinale (2:1 gegen Gastgeber Belgien) und dem Endspiel gegen die UdSSR. Doch man muss auch das in Hin- und Rückspiel ausgetragene Viertelfinale gegen England (mit einem erstmaligen deutschen Sieg im Wembley – 3:1) einpreisen – und vor allem die Art, wie die Mannschaft von Helmut Schön spielte. Mit einer Achse (Franz Beckenbauer – Libero, Günter Netzer – Regisseur, Gerd Müller – Torjäger), mit Doppelpässen, die Presse charakterisierte die Auftritte als „Ramba-Zamba“. Netzers langes Haar verlieh den Kurzhaar-Deutschen einen revolutionären Anstrich. Diese neue deutsche Leichtigkeit war phasenweise schon bei der WM 1966 in England zu spüren gewesen, 1972 war dann Beckenbauer auf dem Gipfel seiner Schaffenskraft, und es kamen schon wieder neue junge Wilde (Paul Breitner, Uli Hoeneß) dazu. Der Kern dieser Mannschaft wurde 1974 Weltmeister – doch der immense Druck, den ein Heimturnier schuf, war zu spüren.

Die Weltmeister von 1990

Ein Großteil des Teams um Lothar Matthäus spielte für italienische Clubs, die WM in Italien – mit fünf deutschen Spielen in Mailand – hatte was von einem Heimturnier. Matthäus, Brehme, Klinsmann, Littbarski, Häßler, Völler, Kohler, Berthold – viele hatten gerade ihre beste Zeit, während der große Widersacher Diego Maradona, Argentiniens Held vier Jahre zuvor, seine Klasse durch seinen Lebenswandel beschnitt. Der Titel für die deutsche Mannschaft zum Abschluss der sechs Jahre unter Teamchef Beckenbauer erschien logisch. Und noch nicht das Ende. „1994 hatten wir eigentlich eine noch bessere Mannschaft als 1990“, erinnert sich Rudi Völler – doch in den USA konnte diese ihre Möglichkeiten nicht ausspielen. Bei der EM 1992 war das auch schon passiert, das Finale ging an die Dänen, die kurzfristig für das ausgeschlossene (Rest-)Jugoslawien nachrückten und als „Europameister in Badeschlappen“ berühmt wurden.

Die Weltmeister von 2014

Ihr Aufstieg begann mit der U 21-Europameisterschaft 2009 und Platz drei bei der WM 2010. Engländer, Italiener, Brasilianer, Franzosen – die Welt staunte über einen gänzlich undeutsch anmutenden Fußball, den Trainer Joachim Löw in Südafrika spielen ließ. Die Ende der 90er-Jahre erlassene Verpflichtung der Vereine, Nachwuchsleistungszentren zu betreiben, und eine buntere und dadurch auch im Sport kreativere Gesellschaft spiegelten sich in der Nationalmannschaft. 2014 in Brasilien beendete sie schließlich eine 18 Jahre währende Phase der Titellosigkeit. Den Triumph auf einem fremden Kontinent (Löw: „Man spürt die Urkraft des Landes“) und inmitten einer anspruchsvollen Konkurrenzsituation erreicht zu haben, hebt die Weltmeister von 2014 wohl über das Team der 70er-Jahre.

Aber Geschichte wiederholte sich bei allen großen deutschen Nationalmannschaften. Erfolg führte zu Überheblichkeit, Stagnation, ja sogar Rückschritt. 2016 wurde der EM-Titel fahrlässig liegengelassen (Aus im Halbfinale), bei den WMs 2018 und 2022 war in der Vorrunde Schluss.

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