Für Jimmy Hartwig war die Sache immer klar: Dass er nicht mehr als zwei A-Länderspiele für Deutschland absolvieren durfte, lag an seiner Hautfarbe. „Für manchen Verantwortlichen beim DFB war ich einfach nur Luft.“ Ein Besatzungskind, Sohn einer deutschen Mutter und eines schwarzen US-Soldaten, den er kaum kannte, der eigene Großvater (Hartwig: „Ein schlimmer Nazi“) hasste ihn. Hartwig spielte beim Hamburger SV in dessen Glanzzeit, er war einer, der im Mittelfeld aufräumen konnte. Jupp Derwall, der damalige Bundestrainer, nominierte ihn für eine Reise Ende Mai 1979, es ging nach Irland und Island. Der Neuling wurde zweimal eingewechselt, für 20 Minuten und für eine Halbzeit, er erlebte zwei 3:1-Siege. Doch das war’s dann schon für ihn.
Kostedde: „Ich gehörte nicht dazu“
Der „erste schwarze Nationalspieler“ war Jimmy Hartwig nicht. 1974 hatte es Erwin Kostedde in die Nationalmannschaft geschafft. Auch er ein Soldatensohn. Deutschland war Weltmeister geworden, doch Torjäger Gerd Müller wollte nicht mehr für das DFB-Team spielen. Kostedde, damals bereits 28, war ein potenzieller Nachfolger, ein erfolgreicher Mittelstürmer für Kickers Offenbach in der Bundesliga, dort auch kultisch verehrt. Helmut Schön lud ihn zwischen Dezember 1974 und Oktober 1975 dreimal ein, stellte ihn auf – doch Kostedde fand keine Bindung zum Spiel, enttäuschte. „Ich habe keine Ablehnung gespürt, aber ich gehörte nicht dazu.“ In dem Berichten der Journalisten, „dass jetzt ein Schwarzer für Deutschland spielt“, nahm er einen negativen Ton wahr. Einerseits hatte sich für Erwin Kostedde ein „Jugendtraum erfüllt. Ich wollte immer den Adler tragen.“ Doch „im Nachhinein sagte ich zu mir: Wärst du bloß kein Nationalspieler geworden.“
In den 70er-, 80er- und sogar noch den 90er-Jahren war die deutsche Fußball-Nationalmannschaft eine Ansammlung biodeutscher weißer Männer, in die sich kein Migrationshintergrund mischte (abgesehen vom niederländischen Einschlag, den Rainer Bonhof, Weltmeister von 1974, hatte). Es war der allgemein als stockkonservativ wahrgenommene Berti Vogts, der anmahnte, eine sich verändernde Gesellschaft müsse sich auch im Fußball abbilden. Er arbeitete im Nachwuchs, bevor er Bundestrainer wurde, er sah, dass in den Jugendteams die oft schon in Deutschland geborenen Kinder von Gastarbeitern, vor allem türkischen, mit die leistungsstärksten Spieler waren.
Einen wie den für Borussia Dortmund (1980 bis 84) stürmenden Erdal Keser wagte man noch nicht anzusprechen, wohl aber den für Bayer Uerdingen (1993 bis 96) verteidigenden Mustafa Dogan oder Berkant Göktan, der 1998 als A-Jugend-Spieler beim Training des FC Bayern Thomas Helmer tunnelte. Zwischen DFB und dem von Erdal Keser vertretenen Türkischen Fußball-Verband entspann sich in den 90ern und 2000ern ein Wettbewerb um die Hochveranlagten.
Berti Vogts tauchte zudem in die Ahnenforschung ein, entdeckte im Stammbaum des Leverkusener Brasilianers Paolo Rink einen 1904 aus Heidelberg ausgewanderten Großvater – Rink spielte dann von 1990 bis 2000 insgesamt 13 Mal für Deutschland. Paolo Rink war sicher auch eine Notlösung in einer tiefen kreativen Krise des deutschen Fußballs – doch die Nationalmannschaft hatte sich geöffnet. Und bald bekam sie einen Medien- und Publikumsliebling, der in Ghana zur Welt gekommen war. Gerald Asamoah kam als Kind nach Deutschland, spielte Fußball, wurde Profi – und 2001 schließlich eingebürgert. Die ersten Berichte über ihn bei der Nationalmannschaft („Deutschlands schwärzester Nationalspieler“) waren kein Ruhmesblatt der Publizistik und bemühten so manches Klischee – doch die Jahre mit Asamoah sorgten dafür, dass das Image des Auswahlteams sich veränderte.
Khedira: Eher Schwabe als Tunesier
Spieler, die nicht in Deutschland geboren wurden, aber hier ihre Heimat gefunden hatten, wurden als Bereicherung empfunden: Miroslav Klose (ab 2001), Lukas Podolski (ab 2004) – beide aus Polen stammend. Mesut Özil (Debüt 2009) und Ilkay Gündogan (ab 2011 dabei), deren Vorfahren aus der Türkei eingewandert waren. Sami Khedira hatte tunesische Wurzeln – doch wurde, da Stuttgarter, als Schwabe wahrgenommen. Jerome Boateng, der Berliner, hat einen ghanaischen Vater. Eine besondere Geschichte schrieb Cacau. Ein Brasilianer, der in Deutschland nach dem fußballerischen Glück suchte und bei Türkgücü München anfing und als Bundesligaspieler die Einbürgerung beantragte. Der Stürmer, Mitglied des WM-Kaders 2010, kokettierte mit seinem eigentlich sehr deutschen Wesen: „Meine Freunde nennen mich Helmut.“
In den Zehner-Jahren erinnerte die deutsche Elf an das französische Weltmeister-Team von 1998, das die Einwanderungsgeschichte der Grande Nation nachzeichnete. Während der WM 2010 trommelte der DFB die Eltern seiner bunten Nationalspieler zu einer multikulturellen Grillparty zusammen und warb mit dem Foto für die integrative Kraft des Fußballs.
Dass die Gesellschaft aber doch nicht so offen war wie erwünscht, zeigte sich immer dann, wenn es bei der Nationalmannschaft schlecht lief. Wie bei der EM 2012, als das Team das Finale verfehlte. Da wurde seitens wenig toleranter Kritiker schon mal das Argument hervorgeholt, wer die Hymne nicht mit Inbrunst mitsinge, identifiziere sich nicht hinreichend mit Deutschland. Mesut Özil etwa hatte die Momente vor dem Anpfiff immer ins Gebet vertieft verbracht.
Heimisch in zwei Kulturen
Özil stand dann 2018 – zusammen mit Ilkay Gündogan – im Zentrum der Erdogan-Affäre. Dass die beiden deutschen Nationalspieler in London den autokratischen türkischen Präsidenten getroffen und ihm demütig signierte Trikots überreicht hatten, wurde ihnen als Wahlkampfhilfe ausgelegt. Ein nachfolgender Termin bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sollte die Identifikations-Glaubwürdigkeit wieder herstellen. Viele Deutsche taten sich schwer mit der Vorstellung, dass ein Mensch sich zwei Kulturen verbunden fühlen kann. Es erklang ein populistisch-wütendes Entweder-oder. Mesut Özil wandte sich schließlich vom DFB ab und hinterlegte noch den Vorwurf, rassistisch behandelt worden zu sein. Im Fall des Misserfolgs sei er halt der Türke gewesen.
Für den DFB ist Multikulti trotz der Rückschläge nicht gescheitert. Und der Blick in den Nachwuchs lässt vermuten: Spieler mit Migrationsgeschichte werden eine starke Säule des Nationalteam bleiben. Klar, für manche mag es auch eine Karriere-Überlegung sein, für welches Land sie spielen wollen, wenn sie die Wahl haben. Für Jimmy Hartwig, einen der frühen nicht-weißen Nationalspieler, gab es nur die Option Deutschland. Das Trikot von seinen beiden Länderspielen hat er aufbewahrt: „Ich möchte in ihm beerdigt werden.“