Paris – Für seinen Traum vom Titel legte Alexander Zverev kurz vor Mitternacht noch eine Sonderschicht ein. Im fast menschenleeren größten Tennis-Stadion von Paris übte der Olympiasieger nach seinem Viertelfinaleinzug Aufschläge – und blickte dann angriffslustig auf die immense Chance bei den French Open.
„Ich bin jetzt im Viertelfinale, ich sage jetzt nicht: Ich bin im Viertelfinale, das reicht, super, ich fahre jetzt ab“, sagte der 26-Jährige am frühen Dienstagmorgen mit Blick auf die nächste Aufgabe gegen den Außenseiter Tomás Martín Etcheverry aus Argentinien. „Natürlich möchte ich das Halbfinale erreichen und dann hoffentlich noch weiterkommen.“
Durch den dritten erfolgreichen Flutlicht-Auftritt beim dominanten 6:1, 6:4, 6:3 gegen den enttäuschenden Bulgaren Grigor Dimitrow steht der Hamburger inzwischen wieder im Fokus der Top-Anwärter. Nur ein Thema erzürnte den früheren Weltranglistenzweiten in der Pressekonferenz auch noch mehr als eine Stunde nach dem Matchball. Zverev berichtete über Debatten mit Offiziellen über den Umgang mit seiner Diabetes-Erkrankung. Ihm sei im Turnierverlauf gesagt worden, dass er sich nicht auf dem Platz Insulin spritzen dürfe und es als Toilettenpause zähle, wenn er dafür in die Kabine gehe. „Da habe ich gesagt: Leute, es kann sein, dass ich vier-, fünfmal vom Platz laufen muss. Ich habe nur zwei Toilettenpausen. Das heißt, dass mir eine gewisse Sache nicht erlaubt ist, die notwendig für mein Leben ist“, sagte Zverev und forderte eine klare Linie.
Ihm sei von Verantwortlichen gesagt worden, dass es aussehe, als würde er „etwas Komisches“ machen, wenn er sich auf dem Platz spritze, als ob er dopen würde. „Ja, ihr seid nicht sehr, sehr schlau. Ich bin, seit ich dreieinhalb Jahre bin, Diabetiker. Wenn ich mich nicht spritze, komme ich in Lebensgefahr“, betonte Zverev.
Die Organisatoren betonten am Dienstag, dass Zverev sich während der kompletten French Open Insulin auf dem Platz spritzen dürfe. Sollte Zverev dafür in die Kabine gehen, zähle dies nicht als eine von zwei möglichen Toilettenpausen. Ein Video zeigt, dass der 26-Jährige sich im zweiten Satz beim Sieg über Dimitrow auf der Bank eine Spritze in den rechten Oberschenkel setzt.
Gegen Etcheverry soll das Thema damit geklärt sein. Zverev geht auch in das Duell mit dem 23-Jährigen als klarer Favorit – obwohl dieser im Turnier noch keinen Satz abgegeben hat. Vor Beginn des Sandplatzklassikers hatte Zverev erzählt, „irgendwann einen Pokal bei einem Grand Slam“ gewinnen zu wollen. Nur ein Jahr nach seiner schweren Knöchelverletzung an gleicher Stelle bietet sich zumindest die Möglichkeit für seinen zweiten Finaleinzug bei einem der vier großen Turniere früher als erwartet. Auch der norwegische Vorjahresfinalist Casper Ruud und Youngster Holger Rune aus Dänemark als potenzielle Halbfinalgegner treten noch nicht Furcht einflößend auf. Erst einmal – 2020 bei den US Open – erreichte Zverev bislang ein Grand-Slam-Endspiel und unterlag dabei dem Österreicher Dominic Thiem.
Bereits zum fünften Mal steht er nun im Stade Roland Garros unter den Top Acht, öfter als bei jedem anderen großen Turnier. Am Bois de Boulogne sieht er sich selbst in der Kategorie der ganz Großen angekommen. „Hier ist es nicht so einfach, einen Novak (Djokovic), einen (Carlos) Alcaraz zu schlagen – ich komme in gewisser Weise in diese Gruppe rein.“ Djokovic erreichte durch einen Vier-Satz-Sieg (4:6, 7:6, 6:2, 6:4) gegen den Russen Karen Khachanov das Halbfinale. Gegen Alcaraz (6;2, 6;1, 7:6 über Tsitsipas). Djokovic’ 23. Grand-Slam-Sieg seiner Karriere bleibt greifbar sid