Flick wird zur Abteilung Attacke

von Redaktion

Bundestrainer eifert Bayern-Patron Hoeneß nach – nicht mal Neuer hat seinen Platz sicher

VON MANUEL BONKE

München – Die Zeit der Experimente ist augenscheinlich vorbei. Obwohl zahlreichen Nationalspielern eine lange und vor allem intensive Saison in den Knochen steckt, hat Bundestrainer Hansi Flick bei der Nominierung für den anstehenden Länderspiel-Dreierpack gegen die Ukraine (Montag), Polen (16. Juni) und Kolumbien (20. Juni) ins oberste DFB-Regal gegriffen. Dementsprechend viel deutsche Fußball-Prominenz tummelte sich bei der Ankunft am Mittwochabend am Mannschaftshotel in Neu-Isenburg und der öffentlichen Einheit am Donnerstag.

Zur Erinnerung: Mit seiner Personalauswahl im Rahmen des DFB-Lehrgangs im März sorgte Flick sowohl intern als auch extern für Verwunderung, da er auf zahlreiche Leistungsträger verzichtete und stattdessen Neulinge ausprobieren wollte. Doch ein gutes Jahr vor dem Start der Heim-EURO ist Schluss mit lustig. Der Bundestrainer will und muss eine Mannschaft formen, die in der Lage ist vor heimischem Publikum fußballerisch und mental um den EM-Titel mitzuspielen. Für Flick sei diese maximale Leistungsfähigkeit in den entscheidenden Situationen genau das, was eine Top-Mannschaft ausmache, wie er im Interview mit der FAZ erklärt: „Bei dieser Verlässlichkeit, dem Vertrauen darauf, dass jeder in diesen Momenten seine beste Leistung abruft – da müssen wir uns steigern.“

Für seinen neuen Knallhart-Kurs hat sich Flick ausgerechnet Bayern-Patron Uli Hoeneß zum Vorbild genommen. „Wenn du etwas gemacht hast, das nicht so gut ankam, hat er dir ganz klar gesagt, was nicht geht“, erinnert sich der 58-Jährige an seine Zeit als Spieler und Trainer in München: „Aber nach außen hin hat er dich geschützt.“ Diesen Teilaspekt des Mia san mia möchte der deutsche Chefcoach auch beim Verband etablieren: „Wenn ich nie Ruhe in den Laden bekomme, kann ich auch nicht erwarten, dass eine Mannschaft eine gewisse Stabilität hat.“ Als Bundestrainer sei er dafür da, „dass ich die Mannschaft schütze“. Mit Blick auf die vielen Herausforderungen bis zum EM-Start sogar „eher noch mehr“. Öffentliche Kritik sei für Flick „in aller Regel nicht mein Weg. Wir sagen den Spielern intern ganz genau, was wir erwarten und was wir nicht erwarten.“

Mit der erneuten Nicht-Nominierung von Innenverteidiger Niklas Süle hat er ein Exempel statuiert und schreckt in diesem Fall auch nicht zurück, das Missachten des Dortmunders öffentlich zu argumentieren: „Ich finde, er lässt noch einiges liegen. Ich will, dass er von seiner Einstellung, von seiner Mentalität einen Schritt nach vorne macht. Für mich könnte Niki einer der besten Innenverteidiger sein, die es gibt. Sein Potenzial ist riesig.“ Doch mit Süles Leistungen bei der WM in Katar sei Flick nur zu 90 Prozent zufrieden gewesen: „Aber die zehn Prozent, die fehlen, die machen es eben aus. Um die geht’s mir.“ Heißt: Legt der Dortmunder im Bundesliga-Alltag nicht in jedem Spiel 100 Prozent an den Tag, dürfte es für ihn schwer werden mit einem Platz im EM-Aufgebot.

Selbst Kapitän Manuel Neuer hat nach seinem Unterschenkelbruch den Stammplatz zwischen den Pfosten bei Flick nicht mehr sicher. Er muss ihn sich erst wieder verdienen: „Das werden wir entscheiden, wenn es so weit ist. Manuel Neuer hat das Torwartspiel in weit über zehn Jahren geprägt. Er muss aber – und das weiß er – seine Leistung zeigen.“ Barcelona-Torhüter Marc-André ter Stegen wittert seine Chance.

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