Als deutscher Fußball-Nationalspieler kann man zum Helden und zum Bundespräsidenten eingeladen werden, der einem das Silberne Lorbeerblatt verleiht – man läuft allerdings auch Gefahr, zum Deppen der Nation zu werden. Dann bekommt man den Zorn des ganzen Landes zu spüren. Auch das ist in der Geschichte der Nationalmannschaft vorgekommen.
Das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund führt unter seinen Exponaten auch Schmähbriefe, die Sepp Herberger in den 50er-Jahren erhalten hat. Förmliche Anrede, aber dann konnte es zur Sache gehen wie heute in einem Internet-Shitstorm. Und auch in den Zeitungen war der Ton oft rau. Deutschland wurde immer schnell wütend, wenn es im Fußball nicht lief.
„So nicht, Herr Schön!“
Bei der Heim-Weltmeisterschaft 1974 ging das letzte Vorrundenspiel, das sportlich nicht entscheidend, aber politisch aufgeladen war, gegen die DDR 0:1 verloren. Die Bild am Sonntag setzte den größten Schriftsatz ein: „So nicht, Herr Schön!“ Letzte Mahnung sozusagen an Helmut Schön, den (zu) gutmütigen Bundestrainer.
Auch Berti Vogts, im Amt von 1990 bis 98, hatte es nicht leicht mit der Presse. Er fand 1994 nach dem WM-Viertelfinal-Aus in den USA gegen Bulgarien ein in seinem Namen vorformuliertes Rücktrittsgesuch auf Seite 1 der auflagenstärksten Zeitung: „Hier unterschreiben!“ Erich Ribbeck, sein noch stärker überforderter Nachfolger, blieb vor persönlichen Angriffen weitgehend verschont – doch als seine Mannschaft bei der EM 2000 mit nur einem Treffer aus drei Spielen krachend gescheitert war, bekam diese ihr Fett weg. Die Köpfe der Spieler wurden auf Bratwürste montiert.
2000 und 20004, das waren die Jahre, in denen der Zweifel an der Qualität der Nationalmannschaft und des deutschen Fußballs am lautesten formuliert worden. Und dann erst 2018 wieder, nachdem die Vorrunde der WM in Russland, zu der man als Weltmeister angetreten war, komplett misslang. Insgesamt wurden die Deutschen von ihrer Mannschaft ja meist verwöhnt, seit sie 1954 wieder in die Weltgemeinschaft aufgenommen worden waren: Nie wurde ein WM-Turnier verpasst, und in der Qualifikation zur EM blieb das DFB-Team nur einmal hängen. Am 17. Dezember 1967 durch ein 0:0 in Albanien. Eine Woche vor Heiligabend hatte Bundestrainer Schön einige Stammspieler (unter ihnen die Bayern Maier, Beckenbauer und Müller sowie Uwe Seeler vom HSV) daheim gelassen. Die Mannschaft hätte nur irgendwie gewinnen müssen beim Fußballzwerg, den sie im Hinspiel 6:0 abgefieselt hatte – schaffte sie nicht. Die „Schmach von Tirana“ bekam sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag.
Schmach & Schande – beim Versagen der Nationalmannschaft zeigte Deutschland keine Nachsicht. Das war immer großes Drama. 1978 hätte man mit einem Sieg gegen Österreich bei der WM 1978 wenigstens noch das Spiel um Platz drei erreichen können. Durch das 2:3 verpasste man auch das – doch die 2:3-Niederlage gegen den kleinen Nachbarn schmerzte so sehr, dass sie auch als Schmach eingeordnet wurde. Die von Cordoba/Argentinien. Ihr folgte vier Jahre im nächsten deutsch-österreichischen Duell die „Schande von Gijon“ in Spanien. Zwar ein deutscher 1:0-Sieg, entsprungen aber einem fiesen Nichtangriffspakt, mit dem beide eine Runde weiterkamen und Algerien aus dem Turnier intrigierten.
Scheitern hat seine markanten Szenen. WM-Viertelfinal-Aus 1994 in den USA gegen Bulgarien – es bleibt verbunden mit einem misslungenen Versuch der Kopfball-Klärung von Thomas Häßler gegen den sehr viel größeren Yordan Letchkov. WM-Viertelfinal-Aus 1998 in Frankreich gegen Kroatien – man sieht immer noch Christian Wörns sich ungestüm zur Roten Karte grätschen. Und dann kamen die kargen Jahre, in der sogar ein solches Ergebnis möglich war: 1:5 im Münchner Olympiastadion gegen England in der Qualifikation für die WM 2002, die letztlich nur über die Relegation erreicht wurde. Das 1:5 war auch überschattet davon, dass der Vater von Teamchef Rudi Völler auf der Tribüne eine Herzattacke erlitt. Es kommt dann immer alles zusammen.
Jedes Spiel birgt Gefahr
Bisweilen wurde Deutschland sogar von belanglosen Matches erschüttert. Bundestrainer Jürgen Klinsmann musste nach einer 1:4-Klatsche in Italien in einem Freundschaftsspiel dreieinhalb Monate vor der Heim-WM 2006 dem Sportausschuss des Deutschen Bundestags darlegen, was er da mache. Und über den verdienten Joachim Löw brach im November 2020 die Dämmerung herein, als er mit einem 0:6 vom Nations-League-Spiel aus Spanien zurückgekehrt war.
Und wenn die deutsche Nationalmannschaft ein Turnier zu früh verlassen muss, hat das stets den Rang einer Staatsaffäre und eine politische Dimension. So ging Katar 2022 zu Ende – mit einer großen Debatte nicht nur über die (fehlende) sportliche Klasse des Teams, sondern auch seine Überfrachtung mit gesellschaftspolitischen Aufgaben.
Nun wird von Neuaufbau gesprochen; nicht das erste Mal.