Le Mans – Boliden, die mit über 350 km/h über die lange Gerade schießen. Die sich gegenseitig jagen, die in die Bande crashen, im Kies stecken bleiben. Oder sich auf dem vom Regen überschwemmten Asphalt drehen – während andere Teile des Circuit de la Sarthe im Sonnenschein liegen. All das bejubelt und beklatscht von 300 000 Fans.
100 Jahre ist das erste 24-Stunden-Rennen von Le Mans her. 100 Jahre, die – so schien es – sich allesamt in das Jubiläum quetschen wollten. Schon in der ersten Runde am Samstagnachmittag demolierte sich ein Auto der Hypercars, der schnellsten Fahrzeugklasse, die Nase. Doch neben diesem Cadillac gab es noch fünfzehn andere, die mit den Hoffnungen angetreten waren, die Siegesserie der letzten fünf Jahre von Toyota zu beenden. So war erstmals seit 50 Jahren auch Ferrari wieder in Le Mans dabei. Die Italiener gaben ihr Comeback im Nordwesten Frankreichs genauso wie Rekordsieger Porsche (19 Titel) nach einer fünfjährigen Auszeit. Und Rot wurde auch gleich zur dominierenden Farbe – Ferrari verwies Dauersieger Toyota am Ende knapp auf Platz zwei.
Bis zur triumphalen Zieleinfahrt war es für das Sieger-Trio Alessandro Pier Guidi, Antonio Giovinazzi (beide Italien) und James Calado (Großbritannien) eine lange Reise, die einen Tag zuvor begonnen hatte. Eine Reise, die in Le Mans wichtiger ist als die Trophäe – so ordnete das zumindest der ehemalige australische Rennfahrer David Brabham ein. Der 57-Jährige kennt sich aus, insgesamt 18 Mal nahm er in Le Mans teil und gewann 2009. „Es ist der heilige Gral des Motorsports“, beschrieb er die Bedeutung des Rennens. „Um es zu verstehen, muss man es selbst erleben.“
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Warten wie eine Glocke über die Fahrer und 300 000 Zuschauer gesenkt. Je mehr Menschen über den Start-Ziel-Bereich vor Beginn wuseln, desto langsamer scheint die Zeit zu vergehen. Basketballstar LeBron James wird vorgefahren, ein Militärorchester spielt die französische Hymne, Überflüge der Luftwaffe, Formel 1 Fahrer Charles Leclerc, der durch die Menge eskortiert und alle zwei Meter um ein Selfie gebeten wird, Rekordsieger Tom Kristensen(55/Dänemark) fährt die Trophäe, die er neunmal gewonnen hat, in einem historischen Auto vor – schier endlos dehnen sich die Momente. Bis LeBron James schließlich die französische Fahne senkt, sich der Druck der Warterei löst und das Rennen beginnt. Dann verschwinden zwischendurch sogar die Wolken, die schwer und grau auf Le Mans gelastet hatten und aus denen es etwas getröpfelt hatte. Später allerdings sollte der Regen noch mal zurückkehren.
Was für die nächsten 24 Stunden nicht zurückkommt: Stille. Selbst wenn die Autos gerade auf der anderen Seite der über 13 Kilometer langen Schleife fahren, sind die Motoren deutlich zu hören. Aus der Nähe ist ihre Wucht auch zu spüren: Sie lösen nicht nur eine Vibration im Trommelfell aus, sondern im ganzen Körper.
Besonders stark passiert das, wenn der Chevrolet Camaro ZL1 Nascar vorbeidüst. Er fährt außer Konkurrenz aus der Garage 56, die in Le Mans als innovativ geltenden Konzepten vorbehalten ist. Erstmals seit 1976 tritt mit ihm wieder ein modifiziertes Modell der nordamerikanischen Renn-Serie beim Klassiker an. Sein Motor dröhnt noch tiefer, noch satter als der der anderen Autos. Hinter dem Steuer: Der ehemalige britische Formel 1 Weltmeister Jenson Button (43), der siebenfache US-amerikanische Nascar-Champion Jimmie Johnson (47) und der deutsche Le Mans-Sieger von 2010 Mike Rockenfeller (39). Zusammengebracht hat dieses Trio eine Kooperation Nascars, des Motorsportteams Hendrick und des Reifenherstellers Goodyear.
Runde um Runde jagen sich die Wagen, jetzt als helle und rote Lichtpunkte durch die Dunkelheit und über die Strecke, die größtenteils normale Landstraße ist. Später geht es wieder durch den Tag. Die Fahrer wechseln sich nach maximal vier Stunden am Steuer ab. Ein Mitglied des Trios fährt, einer hält sich bereit, einer schläft.
Die Boxen der Teams sind wohl die ruhigsten Orte während der 24 Stunden. In Campingstühlen sitzend schauen Fahrer und Mechaniker das Rennen, alle haben Kopfhörer im Ohr, manche schauen aufs Handy. Im WRT Team (LMP2 Klasse, zweitschnellste Kategorie) wird abends fettig gegessen, ein Teammitglied geht mit einer Box von Campingstuhl zu Campingstuhl und bietet Burger an. Vorbei ist die Ruhe, wenn das eigene Auto reinkommt oder das Nachbarauto einen Boxenstop beendet. Die Vibration des startenden Motors wirkt stark genug, einen den Burger wieder aus der Hand zu schütteln.
Immer wieder kommt es zu – zum Glück glimpflichen – Unfällen und Safety-Car-Phasen, während die Show für die Zuschauer auch abseits der Strecke weitergeht. Hunderte Buden, Stände, Pavillons und Container sind aufgebaut. Vom Champagner unter Schirmen, über Auto-Gemälde für mehrere hunderte Euro, bis zur weißen Jacke, die der Schauspieler Steve McQueen im Film Le Mans getragen hat (195 Euro) – alles dabei, für jemanden, der es sich leisten kann. Dazu gibt es üppiges Party-Programm bis hin zu Konzerten und Feuerwerk am Abend. Umschlossen wird dieses volksfestartige Gelände von riesigen Zeltstädten, in denen die Fans campieren.
Am Sonntagnachmittag zieht dann die Strecke wieder alles Leben in seinen Bann. Unter weiß blauem Himmel führt der rote Ferrari vor dem favorisierten Toyota. Trotz eines Drehers im Kies in der Nacht, einem zwischenzeitlichen Ausfall des Funks und Problemen beim Boxenstopp hat sich die Crew die Führung immer wieder zurückerobert – und behalten. Die deutsche Hoffnung Porsche hatte als Neunter nichts mit dem Ausgang zu tun.