Karl-Heinz Rummenigge hat die Aussage, die eigentlich eine These war, bewusst als Frage formuliert. Denn so kann jeder den Satz „Hatten wir 2020 die beste Mannschaft?“ für sich interpretieren. Er zielte ab auf die Champions-League-Saison 2019/20, und Rummenigge denkt wie folgt: Nein, der damalige Bayern-Trainer Hansi Flick hatte nominell nicht die beste Mannschaft vor der Nase. Aber er hatte es geschafft, das beste Team zu formen. Eine Einheit. Einer für alle, alle für einen.
Drei Jahre ist es nun her, dass die Königsklasse ein derart romantisches Ende fand. Denn tatsächlich ist es ja so, dass die Idee des Fußballs, die innerhalb der deutschen Grenzen gerne kritisch gesehen wird (einer hat deutlich mehr Geld als alle anderen), im internationalen Vergleich als absolut rückständig gilt. Kein Staat im Hintergrund, nicht mal ein übermächtiger Investor, sondern gerade mal ein paar Anteilseigner und sonst nur selbst erwirtschaftetes Geld: Ja, leben die Deutschen denn im Gestern? Sagen wir mal so: Sie sind der ursprünglichen Idee dieses Sports trotz aller Abgehobenheit noch näher als viele andere auf diesem Kontinent. Und gewiss deutlich näher als Manchester City, Sieger des Jahres 2023.
Die Bewertung dieses Erfolgs ist eigentlich so simpel, denn einen verdienteren Triumphator hätte es nicht gegeben. Wer sich auf dem Weg auf den europäischen Thron weder von Underdogs wie Kopenhagen (5:0) und Leipzig (8:1) ärgern noch von Hochkarätern wie Bayern und Real Madrid stoppen lässt, hat schon gute Argumente. Wer noch dazu Könner wie Erling Haaland, Kevin De Bruyne, Bernado Silva und Rodri angreifen, Verteidiger wie Ruben Dias und Manuel Akanji hinten aufpassen und Ilkay Gündogan lenken lässt, steht noch besser da. Und wer dann auch noch Pep Guardiola an der Seitenlinie weiß, einen detailversessenen, aber nicht sturen Ausnahmetrainer, der seit acht Jahren auf dieses eine Ziel hinarbeitet, steht nur logisch da oben.
Bleibt man innerhalb des grünen Rechtecks, darf man gratulieren. Blickt man über die weißen Linien hinaus, überwiegt die politische Brisanz dieses Erfolges. Es ist müßig, immer und immer wieder über investierte Milliarden, ein exorbitantes Transferminus und ausgebliebene Strafen zu debattieren. Aber es darf trotzdem nicht aufhören! Sonst ist es mit Fußball-Romantik endgültig vorbei. Und mit Siegern wie Bayern sowieso.
Hanna.Raif@ovb.net