Für das Jahr vor der Europameisterschaft im eigenen Land hat sich Bundestrainer Hansi Flick vorgenommen, mehr wie Uli Hoeneß zu sein: Die Nationalspieler nach außen öffentlichkeitswirksam schützen, intern aber Tacheles reden, wenn ihn etwas stört. In der Theorie klingt das Ausführen der Abteilung Attacke recht simpel, in der Praxis gestaltet sich das Vorhaben allerdings deutlich komplizierter. Das hat Flick im Nachgang seines flammenden Appells auf Joshua Kimmich am eigenen Leib erfahren. Es ehrt den Bundestrainer, dass er seinen heftig kritisierten Spieler mit klaren Worten schützt. Die Siegermentalität von Kimmich aber mit der von Jahrhundert-Sportler Michael Jordan zu vergleichen, ist zu viel des Guten. Flick muss aufpassen, dass er seine Glaubwürdigkeit nicht komplett verliert. Zumal der Bundestrainer im Fall von Niklas Süle komplett konträr vorgegangen ist, den Spieler mit seiner Nicht-Nominierung öffentlich demontierte – und damit eine erneute Gewichtsdebatte um Süle lostrat.
Im Fall von Kimmich hat Flick mit seiner Wortwahl ins oberste Regal gegriffen – und den überehrgeizigen Spieler noch mehr unter Druck gesetzt. Unvergessen ist der Auftritt des Mittelfeldspielers nach dem Vorrundenaus bei der Weltmeisterschaft in Katar, als Kimmich offenbarte, dass er Angst habe, in ein Loch zu fallen. „2018 vergeigt, letztes Jahr die Euro in den Sand gesetzt. Ich bin 2016 dazugekommen, davor war Deutschland immer im Halbfinale. Dann kommt man dazu und scheidet zweimal in der Vorrunde aus, im letzten Jahr im Achtelfinale. Das ist schon für mich persönlich nicht so einfach zu verkraften, weil ich persönlich mit dem Misserfolg in Verbindung gebracht werde. Das ist nichts, wofür man stehen möchte“, so der damalige Wortlaut.
Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm oder Toni Kroos hießen die WM-Helden von 2014, die über die Jahre aus der Nationalmannschaft zurückgetreten sind und deren große Fußstapfen Kimmich im DFB-Trikot gefühlt alleine ausfüllen sollte. Seit jeher fehlt ihm ein kongenialer Partner aus seiner Generation an der Seite, mit dem er sich den Druck der Fußball-Nation Deutschland teilen kann und der ähnliche Anführer-Qualitäten auf den Platz bringt. Mit seinen jüngsten Aussagen hat Flick seinem Mittelfeldchef in jedem Fall einen Bärendienst erwiesen.
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