München – Er ist der einzig verbliebene Deutsche in der Formel 1: Nico Hülkenberg. Im Haas-Team überzeugt der 35-Jährige mit starken Leistungen. Mit unserer Zeitung sprach er über seine ungebrochene Lust am Racing, den schweren Stand seines Arbeitgebers und die Zukunft der Formel 1.
Herr Hülkenberg, nach einem tollen fünften Platz beim Qualifying in Montreal – ohne Strafe wären Sie sogar als Zweiter losgefahren – wurden Sie im Rennen wieder durchgereicht. Wie schwierig ist es, die Motivation aufrechtzuerhalten, wenn man mehr oder weniger hinterherfährt?
Nico Hülkenberg (35): Mir war immer klar, dass nicht jedes Wochenende ein vierter oder fünfter Platz herausspringt. Es ist doch klar, dass man bei vier Topteams mit dem Rest des Feldes um zwei verbleibende Plätze kämpft. Wenn man dann nicht in der Lage ist, alles herauszupressen, geht man eben leer nach Hause.
Wo liegen die Probleme am Auto?
In Sachen Renntempo und Konstanz liegt noch viel Arbeit vor uns. Die tollen Samstage bringen uns natürlich nichts, wenn wir sonntags immer abstürzen. Unser Auto frisst zu viel die Reifen auf. Der größte Schwachpunkt ist die Aerodynamik, die Charakteristik vom Auto passt dieses Jahr einfach nicht so. Das war am Anfang der Saison gar nicht so absehbar, aber die letzten Rennen wird es jetzt ein bisschen zum Trend. Trotzdem habe ich Spaß.
Wieso eigentlich?
Weil ich meinen Rennfahrertraum lebe. Ich habe große Freude daran, das Auto zu fahren, die Arbeit mit den Ingenieuren genieße ich sehr. Auch die Entwicklung des Autos. Schon jetzt spüre ich: Da hat sich was getan. Das macht mir Spaß.
Mick Schumacher konnte Haas in dieser Hinsicht kaum weiterhelfen, weil ihm die Erfahrung fehlte. Welches Feedback bekommen Sie vom Team?
Ich glaube, die sind ganz zufrieden (grinst).
Sie haben Ihren Teamkollegen Kevin Magnussen direkt in die Schranken verwiesen. Wie sehr sind Sie sich darüber im Klaren, dass dieser Quervergleich Mick Schumachers Karriere beerdigen könnte?
Das ist nicht auf meinem Radar. Ich beschäftige mich mit meiner Situation und damit, wie wir besser werden können.
Sie können uns doch nicht erzählen, dass die Situation der Formel 1 in Deutschland und damit auch Mick Schumachers Karriere Sie nicht tangiert!?
Fahrer zu vergleichen, die zu unterschiedlichen Zeiten Formel 1 gefahren sind, ist einfach unheimlich schwer. Schauen Sie sich Daniel Ricciardo an: Der war bei Renault in Superform und bei McLaren ging überhaupt nichts mehr. So etwas gibt es immer wieder. Das hat vor allem damit zu tun, wie die aktuelle Situation und die Psyche des Fahrers aussehen. Von daher finde ich es nicht korrekt oder fair, solche Quervergleiche aus verschiedenen Jahren zu ziehen. Ich weiß natürlich, dass es einfach ist, ein Lineal darunter zu legen. Aber das ist nie die ganze Wahrheit.
Solche Vergleiche werden allerdings auch von Teamchefs, also von Entscheidungsträgern getroffen …
Ich glaube, die schauen sich weit mehr Details an. Und nochmal: Ich beerdige niemanden, ich mache nur meine Arbeit und habe Spaß dabei. Aber klar ist, dass das hier ein sehr hartes und leistungsbezogenes Business ist. Das war in meiner Vergangenheit auch nicht anders. Wenn die Leistung ausbleibt, bist du früher oder später weg.
Die Formel 1 wird durch die US-amerikanischen Eigentümer immer mehr zur Show. Wie gefällt Ihnen diese Entwicklung?
Ich habe damit kein Problem. Auch die Fahrerpräsentation in Miami hat mich nicht gestört. Aber ob diese Show wirklich was gebracht hat, weiß ich auch nicht. Wichtiger ist doch, dass das Produkt Formel 1 und die Rennen spannend bleiben, dass wir die Autos vom Speed her im Zaum und die Aerodynamik unter Kontrolle halten, um das Hinterherfahren zu erleichtern. Da sehe ich Nachholbedarf. Deshalb müssen wir eher da ansetzen als bei der Show.
Wie schwer sind die Autos grundsätzlich zu fahren?
Die Rennen sind sehr schnell und das ist auch gut so. Die Autos sind echte Abtriebsmonster. Das ist physisch sehr anspruchsvoll und absolut nicht zu unterschätzen.
Die Formel 1 boomt international. Viele Rennen sind ausverkauft. Wie sehr spüren Sie das als Fahrer?
Sehr. Früher hatten wir oft Rennen wie etwa in Bahrain, da hat sich kein Fan zu den Fahrerhotels verirrt. Die Tribünen waren nicht sonderlich voll. Das ist jetzt anders. Die globale Popularität der Formel 1 ist deutlich gestiegen. Sicherlich auch ein Seiteneffekt der Netflix-Serie.
In Deutschland ist leider das Gegenteil der Fall. Die Einschaltquoten sinken. Tut Ihnen das als deutscher Fahrer weh?
Es ist natürlich schade, dass aktuell die Luft in Deutschland irgendwie raus zu sein scheint.
Woran liegt das?
Leider kommen wenig deutsche Fahrer nach. Das war zu meiner Juniorenzeit noch anders. Aber in Deutschland ist ja im Moment das Automobil generell eher der Buhmann beim Thema Klimawandel und längst nicht mehr der Stolz unserer Nation. Das färbt meiner Meinung nach auch negativ auf den Motorsport ab.
Muss die Formel 1 sich da schneller anpassen, wie Sebastian Vettel immer wieder fordert?
Wenn man sieht, wie groß dieser Zirkus ist, dann ist auch klar: Das geht nicht hopplahopp von heute auf morgen, sondern dauert eben ein paar Tage. Aber ja, die Formel 1 muss dahingehend auch aktiv werden.
Ein Hoffnungsschimmer aus deutscher Sicht ist für 2026 am Horizont, wenn Audi einsteigt. Die Ingolstädter kommunizieren ganz offen, dass Sie am liebsten auch einen deutschen Fahrer wollen. Schielen Sie auf die vier Ringe?
Ich lebe momentan einfach nur in der Gegenwart und das taugt mir sehr gut. 2026, da bin ich 38 – so weit schaue ich nicht in die Zukunft.
Fernando Alonso aktuell, dass man auch mit über 40 noch superschnell sein kann.
In der Theorie mag das so sein, aber ob das bei mir auch so ist? Jeder Mensch ist doch anders. Wenn man älter wird, wird man auch langsamer im Kopf und die Reflexe lassen nach. Bei Alonso scheint es ja noch gut zu laufen. Wann das bei mir einsetzt, kann ich jetzt gar nicht vorhersagen. Im Moment funktioniert alles top. Und solange das so ist und ich Spaß habe, werde ich versuchen weiterzumachen.
Wer sind für Sie aktuell die besten Fahrer in der Formel 1?
Max Verstappen und Fernando Alonso, weil sie jedes Wochenende auf dem Podium stehen und in allen Rennen liefern. Max ist in den letzten Jahren sehr gereift und hat das Ungestüme von früher komplett abgelegt. Er ist einfach immer weltmeisterlich unterwegs.
Interview: Ralf Bach