Fast unbemerkt haben in Krakau die European Games begonnen, und viele, die sich für Sport interessieren, werden nun wohlig seufzen und sagen: Schön war das vorigen Sommer in München – aber dass das nach einem Jahr schon wieder stattfindet. . . Und schon sitzt man in der Begriffsfalle: Krakau erlebt gerade die European Games, München hatte 2022 die European Championships. Die Games werden vom Europa-Ableger des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) veranstaltet und sind also amtlicher als die Championships, die privat und unter Mitwirkung einiger Verbände realisiert werden. Die gut gelungenen Championships in München wurden bisweilen als „Mini-Olympia“ bezeichnet, besser gewesen wäre „Anti-Olympia“, weil mit ihnen ein Gegenentwurf zu den ausufernden Spielen entwickelt wurde. Hierzulande erfuhr bislang das Modell der Championships deutlich höhere Wahrnehmung – was aber freilich auch mit den Austragungsorten (2018 Berlin mit Glasgow, vier Jahre darauf alles in München) zu tun hatte. Die Games waren in Baku (2015) und Minsk (2019). Aserbaidschan und Belarus – schon damals nicht Wohlfühl-Gastgeber.
Für die Konsumenten ist der sich etablierende Wechsel von Games und Championships etwas verwirrend, weil es Sportarten gibt, die sich in beiden Formaten präsentieren (BMX, Mountainbike, Triathlon, Leichtathletik, Klettern) und manche Disziplinen, aber nicht alle, in die European Games ihre Europameisterschaften integrieren. Ein Interesse, diesen Wildwuchs zu regulieren, besteht nicht. Für das IOC geht es auch nicht um die Wertigkeit der einzelnen Sportarten, sondern darum, die Deutungshoheit im Weltsport zu behalten. Das IOC will verhindern, dass etwas an ihm vorbeiläuft, dass sich Konkurrenz etabliert; es kämpft um sein Monopol, darum umarmt es auch die Trendsportarten, ehe die woanders zur Attraktion werden. Olympische Jugendspiele, kontinentale Spiele – Olympia ist eine Markenfamilie.
Bezeichnend war im vergangenen Jahr die Termingestaltung von IOC-Präsident Thomas Bach. Im Juli großer Auftritt in München anlässlich der Feierlichkeiten des 1972er-Olympia-Jubiläums, im August bei den European Championships ließ er sich nicht blicken, nachdem er am Wochenende davor bei den Europameisterschaften im Kanuslalom in Augsburg, die kein Bestandteil der Championships waren, Hof gehalten hatte. Damals war auch schon klar, dass Kanuslalom bei den European Games 2023 vertreten sein würde. Es ist Kalkül, wem Bach seine Aufmerksamkeit schenkt. Er ist der oberste Geschäftsmann des Sports.
Guenter.Klein@ovb.net