„Das Image des DFB ist am Boden“

von Redaktion

Fanforscher Lange warnt nach jüngster Studie – der Verband ignoriert die Negativ-Ergebnisse

München – Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat ein Jahr vor der EURO im eigenen Land ein großes Problem, die Anhänger hinter sich zu vereinen. In einer FanQ-Umfrage betonten 87,8 Prozent, dass ihre Identifikation mit der DFB-Auswahl früher größer war. Über die vielschichtigen Gründe spricht Professor Harald Lange, der als Leiter des Instituts für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg maßgeblich an der Studie beteiligt war, im Interview.

Herr Lange, Max Kruse sagte diese Woche: „Eher steigt Paderborn in die Bundesliga auf, als dass Deutschland nächstes Jahr Europameister wird.“ Teilt er den Grund-Pessimismus der Bevölkerung?

Das ist ja optimistisch, was er da sagt, zumindest in Bezug auf Paderborn (lacht). Und das erfrischende Zitat markiert das, was im deutschen Fußball fehlt, nämlich: Zuversicht und Esprit, dazu Glauben an eine Sache. Im Umfeld der Nationalmannschaft ist das lange verloren gegangen.

Sie haben vor einem halben Jahr gesagt, im deutschen Fußball sei „nicht alles schlecht“. Bleiben Sie dabei?

Ich bleibe dabei: Im deutschen Fußball ist vieles ausgesprochen gut. Aber es fehlt an einer Koordination, an einem glaubhaften Leitbild, an Führungspersönlichkeiten, die die vielen Potenziale zur Entfaltung bringen können. Die Nationalmannschaft der Männer steckt seit geraumer Zeit in der Krise – daran lässt sich die Entwicklung so wunderbar plakativ festmachen. Die meisten Spieler übernehmen im Alltag bei Topvereinen Verantwortung, sind extrem begehrt auf dem Markt. Wir hätten das Zeug für eine super Nationalmannschaft. Aber es funktioniert nicht, wenn die Truppe beim DFB zusammenkommt. Aktuell verliert das Team regelmäßig gegen mittelklassige Gegner. Und das spricht schon dafür, dass wir es mit einem systemischen Fehler zu tun haben.

Wurde nach dem Fiasko in Katar der falsche Weg eingeschlagen?

Genau das ist passiert. Und es liegt daran, dass der DFB nicht dazu in der Lage ist, schonungslos, offen und ehrlich Bilanz zu ziehen. Seit Russland hat man nach jedem Turnier extrem viel Zeit verstreichen lassen, ehe man eine Analyse vorgelegt hat. Dabei macht jeder Kreisliga-Fußballer die Analyse zu einem verlorenen Spiel in den Minuten nach dem Abpfiff, das erwarten die Fans auch nach den vielen Niederlagen in den Turnieren. Sie werden aber jedes Mal vertröstet, um Wochen später eine Schmalspuranalyse zu bekommen. Der Gipfel war Katar.

Inwiefern?

Die führenden Köpfe haben plötzlich behauptet: Na ja, Argentinien ist nicht so viel besser als wir. Und die Analyse belief sich auf eine schlechte halbe Stunde gegen Japan. Nach dem Motto: Eigentlich hätten wir Weltmeister werden können. So was kann man vielleicht am Stammtisch sagen, aber nicht als Sportdirektor! Wie soll denn da ein Problembewusstsein entstehen? Man verliert sich in die Sphäre des Ausredens. Und gründet dann eine Taskforce, von der man kaum etwas hört. Außer, dass Hans-Joachim Watzke Rudi Völler aus einer Intuition heraus zum Sportdirektor gemacht hat. Damit hat man alles, was man unter Professionalität versteht, vermissen lassen.

Alte Kräfte zu bündeln, ist kein neues Phänomen.

Aber es ist sicher auch keine Aufbruchsstimmung, die man zwingend bräuchte. Die EM rückt immer näher – und es spitzt sich alles auf die nächsten beiden Länderspiele zu. Wir haben das Endspiel schon neun Monate vor dem EM-Start. Da setzt sich der DFB selbst unter Druck, weil er keinen Plan hat.

Sind die nächsten beiden Länderspiele auch Endspiele um die Fangunst?

Das ist schon gelaufen. Wenn die Spiele im Herbst gewonnen werden, würde sich der eine oder andere über den „lucky punch“ freuen. Aber diejenigen, die sich schon abgewendet haben, sind jetzt erst mal weg. Wir haben aus unserer Studie herauslesen können, dass die Gründe der fehlenden Identifikation nicht allein am ausbleibenden Erfolg festzumachen sind. Deshalb ist auch der Satz „es müssen die Ergebnisse stimmen“ ein Märchen. Da liegen beim DFB zu viele andere Felder im Argen. Die Gründe für den Identifikationsverlust sind vielschichtig.

Wird die EM zu einem Fiasko, wenn man wieder früh ausscheidet?

Wir sind Mittelmaß, das muss man akzeptieren. Die Hoffnung, dass eine EM in Deutschland das rumreißt, ist schon zerstreut, weil man direkt nach Katar auf Ergebnisse und überzeugende Siege in den Freundschaftsspielen als einzigen Rettungsanker gesetzt hat. Die Gesamtlage ist dadurch unendlich schwieriger geworden.

Auch für Hansi Flick?

Absolut. Denn unter diesen Gesichtspunkten durfte Hansi Flick gar nicht erst experimentieren, weil Leistungsnachweise erbracht werden müssen. Diese Erwartungshaltung hat der DFB selbst so festgelegt. Um sich jetzt zu wundern, dass keine EM-Stimmung aufkommt.

Nach dem Motto „Ihr müsst uns lieben!“

Genau. Wie eine Art Pflichtethik. Aber diese Zeiten sind vorbei.

70 Prozent der Fans wünschen sich einen anderen Nationaltrainer. Warum funktioniert Flick beim DFB nicht?

Die aktuelle Entwicklung hat er selbst nicht allein zu verantworten. Da bin ich wieder an der Katar-Auswertung: Man hat das Trainerteam und die Mannschaft durch die Verpflichtung in den letzten Testspielen Ergebnisse liefern zu müssen, viel zu früh so sehr unter Druck gesetzt, dass es sportlich gesehen fatal gewesen ist. Ein guter Trainer kann damit umgehen, dazu Stellung beziehen, sich darauf einstellen. Aber man hat ihm da hausintern Steine in den Weg gelegt, indem man alles vertagt – und eine Analyse verweigert hat. Die Trennung von Oliver Bierhoff und die Verpflichtung von Rudi Völler: Das waren scheinbar alles Bauchentscheidungen. Es basiert nichts auf Fakten, Daten, Erfahrungen.

Gäbe es genug Daten, um Flick zu entlassen?

Seine Entlassung wird am Stammtisch gefordert. Das ist angesichts des Misserfolgs eine nachvollziehbare, wenig nachhaltige Reaktion. Aus unserer Studie geht aber gleichzeitig hervor, dass er nach wie vor allergrößtes Ansehen unter den Fußballfans genießt. In unserem Ranking als Wunsch-Bundestrainer belegt er den zweiten Platz hinter Jürgen Klopp. Noch vor Julian Nagelsmann, Thomas Tuchel oder Jose Mourinho. Aus meiner Sicht spricht vieles dafür, ihn zu stützen, den Druck zu nehmen und an ihm festzuhalten. Das ist ein Toptrainer in einem wankelmütigen DFB-System.

Wie groß ist die Wechselwirkung zwischen Fan-gunst und Erfolg? Man hat gerade das Gefühl, dass auch die Spieler wie gelähmt sind.

Wir erleben gerade etwas, das deutsche Nationalspieler nicht gewohnt sind. Missgunst, Argwohn, sie werden relativ früh ausgepfiffen. Für Spieler, die das aus ihren Vereinen nicht kennen, ist das schwer zu schlucken, es wirkt sich schnell auf die Leistung aus. Wenn du gewohnt bist, als Held unterstützt zu werden, kannst du mit dieser Rolle schlecht umgehen. Man kommt dadurch in eine Negativspirale. Mir tun die Spieler leid, sie haben das nicht verdient.

Die Fans attestieren den Nationalspielern einen zu geringen Einsatzwillen. Spielen wir zu schön?

Das Trainerteam hat eine Spielidee, die haben das Können, das Wissen, die Spieler und die Zeit. Es gehört dazu, dass es mal gut läuft, mal schlecht. Aber bei dieser Mannschaft und dem Team um Hansi Flick sieht der Großteil der Beobachter keine Spielidee. Trotzdem kann man es sich nicht leisten, den Trainer und sein Team auszuwechseln, weil der Verband zu wenige Mittel im Hintergrund hat. Das Imageproblem zieht sich somit rauf bis auf die Ebene der Nationalmannschaft. Diese Tendenzen hatten wir schon in unserer DFB-Basisstudie gezeigt. Aber es ist nichts passiert.

Wie geht der DFB denn um mit Ergebnissen wie jenen Ihrer Studie?

Sie werden zu 100 Prozent ignoriert – vielmehr noch: als Bedrohung angesehen. Dabei haben wir eine seit Jahren anhaltende Krise. Ich frage mich, wann der DFB anfangen will, sich extern beraten zu lassen – und nicht immer alles schönzufärben. Ich untersuche beispielsweise schon lange Belange rund um den DFB, habe aber noch nie mit einem Präsidenten gesprochen. Ich verstehe, dass es schmerzt, schlechte Evaluierungen zu bekommen. Aber man bricht sich keinen Zacken aus der Krone, wenn man sie ernst nimmt. Das Image des DFB ist am Boden, was soll denn noch Schlechteres passieren, wenn man sich dem stellt?

87 Prozent der Fans geben an, sich früher mehr mit dem DFB-Team identifiziert zu haben. Seit wann stellen Sie einen Identifikationsverlust fest?

Seit 2018. Damals aber war es noch nicht so nachhaltig negativ, wie es zurzeit ist. Je länger so eine Negativspirale läuft, desto stärker verfestigt sie sich. Das sieht man auch, wenn man die Ergebnisse im Detail anguckt. Je älter die Fans, desto stärker der Negativ-Touch. Das wiederum ist positiv für den DFB, denn er kann in der nachwachsenden Generation noch punkten.

Fans wenden sich gerne mal ab, kommen aber auch wieder.

Es stimmt, dass das Abwenden zum Fußball dazugehört. Nur: Beim DFB ist der Prozess der Abwendung im vollen Gange und tief verwurzelt. Das ist ein Alarmsignal! Der DFB muss verstehen: Wenn man bis zur EM noch irgendetwas rumreißen will, muss man sich jetzt um Fan-Belange kümmern. Und zwar nicht kosmetisch, mit irgendeiner neuen Choreografie. Sondern im Kern. Die Fans müssen in den Vordergrund.

Wie könnte man die Fans wieder abholen?

Man muss da an die Werteebene gehen. Da geht es nicht um ein paar Begriffe, einen schönen Videospot und eine PR-Agentur – sondern um das Vorleben von Werten, direkt und indirekt. Nehmen wir mal das Beispiel Taskforce! Der neue Präsident wurde nicht müde, zu betonen, wie schön es ist, dass nun Frauen im DFB-Vorstand sind. Aber in dem Moment, in dem es ernst wird, setzt er sich alleine mit Hans-Joachim Watzke zusammen und setzt eine Alte-Männer-Kommission an. Nichts gegen die einzelnen Mitglieder, sie sind jeder für sich über jeden Zweifel erhaben. Aber sie stehen alle für dieselbe Linie. Bernd Neuendorf hat mit der Installation dieses Gremiums das Gegenteil von dem gemacht, was der deutsche Fußball gebraucht hätte. Das war ein klares und schwaches Zeichen dafür, dass man wertebezogen auf der schmalen Spur bleibt, die der Verband seit Jahren fährt.

Die Zeit bis zur EM drängt nun. Kommt das Heimturnier zur Unzeit?

Ja! Die einzige Chance, die ich noch sehe, ist, das Event-Publikum kurzfristig zu gewinnen. Die eingefleischten Fans, die Stakeholder der Fußballgemeinde, hat man verloren. Sie sind kritisch, skeptisch – und das beeinflusst natürlich auch die Eventfans. Man kann nur auf gutes Wetter hoffen, auf ein Sommerloch, vielleicht einen Sieg im ersten Gruppenspiel. Mehr Perspektive sehe ich ehrlich gesagt gerade nicht. Denn in den nächsten Wochen wird sich strukturell eher nichts Neues entwickeln. Da müssten ein paar Männer über wirklich große Schatten springen. Und das werden sie nicht machen.

Interview: Hanna Raif

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