Großbaustelle TSV 1860

Zu gemächliches Arbeitstempo

von Redaktion

ULI KELLNER

Dreieinhalb Wochen vor dem Start steht zumindest das fest: Die Löwen sind nicht führungslos, obwohl das zuletzt teilweise so wirkte. Präsident Robert Reisinger will 1860 weiter voranbringen, wie er auf seiner einstündigen Rede vor 382 Vereinsmitgliedern betonte. Zu diesem Zweck machte sich der Amtsinhaber dafür stark, die nach Günther Gorenzels Abschied freigewordene Stelle des Sportchefs nachzubesetzen. So weit, so vernünftig. Überdies steht fest, dass die neue Löwen-Saison mit einem Heimspiel gegen Waldhof Mannheim startet. Sonst jedoch? Vieles, was die künftige Mannschaft betrifft, ist nach wie vor mit dicken Fragezeichen versehen.

In fünf Testspielen sind die neuen Löwen dreimal torlos geblieben – speziell in der Offensive holpert es gewaltig. Auf der Giesinger Großbaustelle (17 Abgänge) wurde im Sommer zu gemächlich gearbeitet. Erst zu lange für die Trennung von Gorenzel gebraucht, dann nicht einig geworden, ob, wie und mit wem die Stelle nachbesetzt werden soll. Entsprechend mühsam gestaltete sich die Kaderplanung. Häppchenweise sind irgendwann ein paar Neue gekommen – durch ein Zusammenwirken von Finanzchef, Scoutingchef, Fanartikelchef und Cheftrainer. Richtig durchdacht wirkt das alles nicht. Personalpolitik nach dem Zufallsprinzip. Gewiss sind gute Typen dabei – der afrikanische Manni (Starke), Laienprediger Bonga oder Flüchtlingskind Zenullahu. Nicht gefunden wurden bisher Profis der Kategorie Unterschiedsspieler. Kein Bär, kein Boyamba, kein Lex, kein Morgalla. An einigen Stellen wirkt die Personaldecke sogar gefährlich dünn (Angriff, defensives Mittelfeld, rechts hinten).

Kann das gut gehen? Die mentale Power, die Jacobacci-Spezl Giovanni Iemma den Spielern in die Köpfe boxt („Fokus, Fokus, Fokus!“), muss schon sehr groß sein, damit aus diesem unfertigen Gebilde eine Mannschaft entstehen kann, die die gestiegenen Eintrittspreise rechtfertigt. Vom Aufstieg redet eh keiner – je nach Sichtweise eine realistische Einschätzung. Oder ein Armutszeugnis, wenn man bedenkt, was mit ein bisschen mehr Weitblick, Kompetenz und Geschlossenheit möglich sein könnte. Ein gutes Signal wäre, wenn Reisinger es tatsächlich schaffen würde, seinen Favoriten Horst Heldt als neuen Sportchef durchzusetzen. Der Haken dabei: Der erstligaerprobte Ex-Löwe käme wohl zu spät, um diesen Kader noch rund zu kriegen. Zeit, sich in eine Liga einzuarbeiten, die ihm bislang fremd ist, hätte er wohl – womöglich länger, als allen Beteiligten lieb ist.

uli.kellner@ovb.net

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