München – 15 Tage, das ist auf dem Transfermarkt eine lange Zeit. Aber nur, weil sich die Taskforce des FC Bayern in Komplettbesetzung seit mehr als zwei Wochen nicht getroffen hatte, heißt das nicht, dass bis gestern Stillstand herrschte. Hinter den Kulissen wurde freilich gearbeitet, viel sogar, an diversen Ecken und auch Enden. Die Ergebnisse wurden nun am Dienstag zusammengetragen, weiterhin mit viel Optimismus. Aber auch mit der Übereinkunft, auf diesem verrückten Markt nichts Irrsinniges zu machen, sondern die Grenzen selbst zu setzen.
Die Worte „Risiko muss kalkulierbar sein“ wählte Finanzvorstand Michael Diederich zu seinem Einstand, sie beschreiben den Balance-Akt, den der FC Bayern auf dem Weg zurück in die europäische Spitze bewältigen muss. Es ist keineswegs leicht, als solide wirtschaftender Verein gegen Investoren- oder gar Staaten-geführte Konkurrenten zu bestehen; mehr denn je ist vom siebenköpfige Gremium um CEO Jan-Christian Dreesen Kreativität gefragt. Dass in den beiden Aufsichtsräten Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge zwei Herren mitmischen, für die Angst ein Fremdwort ist, passt da nur gut. Die interne Marschroute der Bayern: Jeder Name wird diskutiert. Sind von einem Kandidaten alle überzeugt, wird ein Detailplan entworfen, um den Transfer zu realisieren. Er beinhaltet Priorität, Zeitplan, Kontaktpersonen, Perspektiven. Und er legt auch stets eine Schmerzgrenze fest. Nach dem Motto: Bis hierhin – und nicht weiter.
Wie dieses Vorhaben erfolgreich umgesetzt wird, zeigte zuletzt der Verkauf von Lucas Hernandez. Die 50 Millionen Euro Ablöse, auf die man inklusive Bonuszahlungen kommen kann, waren nach Informationen unserer Zeitung schon festgelegt worden, als der Fall erstmals auf dem Taskforce-Tisch lag. Man will weder Spieler noch Verein unter Wert verkaufen, sondern vertraut auf seine Strahlkraft. Auch hier geht es um das „mia san mia“, das Dreesen dem gebeutelten Club zurückbringen will. Präsident Herbert Hainer sagte zuletzt: „Er denkt nach vorne, er will etwas entwickeln, er hat viele Ideen. Dabei steht er aber gleichzeitig für wirtschaftliche Vernunft.“ Aus voller Überzeugung.
Man geht da anders vor als etwa in Tottenham, wo Bayerns Wunschspieler Harry Kane bei einer (unwahrscheinlichen) Vertragsverlängerung ein Wochengehalt von 468 000 geboten wird. Auch die Bayern werden für den Stürmer, der gerne kommen würde, aber (noch) nicht darf, tief in die Tasche greifen. Trotzdem hat man sich darauf verständigt, die 100-Millionen-Euro-Grenze nicht weit einreißen lassen zu wollen. Wird es astronomisch, werden Alternativen geprüft, auch Neapels Top-Torjäger Victor Osimhen ist noch nicht vom Tisch. Genauso verhält sich die Sache bei Kyle Walker, für den man das vorliegende Angebot von rund 15 Millionen Euro als fair erachtet – und abwartet.
Lothar Matthäus rät den Bayern via Sky zu „Geduld“ und führt aus: „Das wusste man seit Beginn der Verhandlungen um Kane.“ Er meint damit mehr als 15 Tage. Das Transferfenster ist ja noch 50 geöffnet. hlr, bok, pk