Paris – Vor nicht allzu langer Zeit saß Léon Schäfer bei Fußballspielen noch etwas schwermütig vor dem Fernseher. Vor allem, wenn Julian Brandt spielte. Der ist ein Jahr älter und kickte wie er in der Bremen-Auswahl. Heute ist Brandt ein Star bei Borussia Dortmund und Nationalspieler. Schäfers Traum endete mit 13. Nach einer Knochenkrebserkrankung musste ihm der rechte Unterschenkel mitsamt Knie amputiert werden. Wenn er Brandt zusehe, sage er sich oft, „dass das auch mal mein Traum war“, erzählte Schäfer mal.
Heute ist die geplatzte Karriere als Fußball-Profi ganz weit weg. Und Schäfer trauert ihr auch nicht mehr nach. „Das Thema ist durch und nicht mehr in meinem Kopf“, sagte er nach seinem Gold-Sprung bei der Para-Weltmeisterschaft der Leichtathleten in Paris. „Die Liebe zum Fußball ist verloren gegangen. So, wie er sich in den letzten Jahren entwickelt hat, juckt es mich nicht mehr, dass es so gelaufen ist.“
Die Abnabelung fiel ihm auch deshalb leicht, weil er eine zweite sportliche Liebe gefunden hat: die Leichtathletik. Vor allem den Weitsprung. Am Montag holte er mit dem Weltrekord-Sprung von 7,25 Metern zum zweiten Mal WM-Gold. Für den deutschen Behindertensport ist der 26-Jährige ein Aushängeschild mit absolutem Star-Potenzial.
Für seinen Mentor, den 2012er-Paralympicssieger Heinrich Popow, ist Schäfer „ein gemalter sexiest man alive“, DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher nennt ihn schmunzelnd „eine wunderbare Granate“. Schäfer sei „ein Charming Boy mit unwahrscheinlichem Leistungspotenzial“. Popow: „Er verkörpert einfach Leistungssport und trägt das auch in die jüngere Generation.“ An der Seite der Fußball-Stars Mario Götze und Leroy Sané ist Schäfer ein Werbe-Gesicht für Nike.
Am Montag geht er im letzten Wettkampf der WM noch über 100 Meter an den Start. „Ich habe hier die erste Goldmedaille für Deutschland geholt, ich hole auch die letzte. Das wäre ein schönes Märchen“, sagt er lachend. dpa