TikTok statt Sport

von Redaktion

Generationen-Studie entwirft trübes Bild: Kein Interesse an Großereignissen

München – In knapp einem Jahr steigt in Deutschland die Fußball-Europameisterschaft, nach dem Willen der Politik und des DFB wird dieses Turnier viel leisten müssen, es soll alles noch einmal so schön werden wie bei der WM 2006. Für die flächendeckende Begeisterung sieht Rüdiger Maas keine Grundlage. Er ist Diplom-Psychologe und leitet das in Augsburg ansässige Institut für Generationenforschung. Und das hat in einer Studie gerade erst im Juni ermittelt: „Das Interesse am Sport und an großen Ereignissen lässt rapide nach. Insbesondere bei der Generation Z. An den Interessen der Jungen geht der Sport total vorbei.“

Generation Z? So nennt man die zwischen 1995 und 2010 Geborenen. Sie folgen auf Generation Y (1980 bis 94), X (1965 bis 79), Babyboomer (1950 bis 64) und Nachkriegsgeneration (vor 1950). Und sie lebt gänzlich anders. Maas: „Wir waren schockiert, als Lehrer uns erzählten, dass es an bayerischen Schulen kein Freilaufen mehr gibt, weil jedes siebte Kind nicht mehr koordinieren kann. In manchen Regionen werden 80 Prozent der Kinder zur Schule gefahren.“ Bewegungsgift zudem: der Umgang mit Social Media. Bis zu 70 Wochenstunden würden dafür draufgehen und nicht nur den aktiven Sport einschränken. „Vor allem TikTok“, so Psychologe Rüdiger Maas, verändere das Konsumverhalten. „Da bekommt man durch den Algorithmus alle zwanzig Sekunden ein neues Video.“ Und wer so getaktet wird, „dem fällt es schwer, ein Fußballspiel über 90 Minuten, in dem dann vielleicht auch nur ein Tor fällt, anzuschauen. Das ist zu wenig actiongeladen, bietet zu wenig Entertainment“. Das Gefühl, gemeinsam etwas zu unternehmen, holen sich die Jugend von heute und die jungen Erwachsenen in der digitalen Welt ab, nicht mehr in der analogen.

Was die Studie ergeben hat: Nach wie vor ist Deutschland eine Fußball-Nation. Über alle Generationen interessieren sich 44 Prozent dafür, bis auf Leichtathletik (16,76), Schwimmen (13,33) und Motorsport (10,86) ist alles im einstelligen oder „im Kommabereich“. Fundiert sind Kenntnisse über Fußball aber keineswegs: So wussten 29 Prozent nicht, dass auch Frauen elf Spielerinnen auf dem Platz haben und über 90 Minuten gehen. Maas glaubt, die Erfolglosigkeit der Männer-Nationalmannschaft leiste einen Beitrag zum mangelnden Interesse, „denn die letzten Erfolge haben viele aus der Generation Z nicht bewusst wahrgenommen“. Und was man auch feststellen könne: Das Boykott-Interesse der Deutschen an der umstrittenen WM in Katar „schwappt über auf die EM“. 29,8 Prozent der Männer und 53,58 Prozent der Frauen wollen die EM 2024 im eigenen Land nicht verfolgen.

Nicht viel besser stehen die Olympischen Spiele da. Das Interesse tragen Nachkriegsgeneration (71,43) und Babyboomer (52,35 Prozent). Ab den Y-Jahrgängen (23,96) ist es gering – da liegt sogar die Generation Z mit 26,67 Prozent, die die nächsten Sommerspiele bewusst verfolgen möchten, höher. Die olympische Bewegung bemüht sich um eine Verjüngung, neue Sportarten im Programm wie das Speedklettern, bei dem ein Run gut fünf Sekunden dauert, oder das Breaking mit ebenfalls kurzen und spektakulären Performances „sind eine gute Möglichkeit, da auch auf TikTok darstellbar“, so Rüdiger Maas, „sie sind aber noch nicht so bekannt“.

Ohne Unterstützung in den Sozialen Medien geht im Sport der Zukunft wohl nichts mehr, doch ihre jederzeitige Verfügbarkeit geht zulasten der eigenen Aktivität. Sport hat an Bedeutung „als Exitstrategie“ verloren, etwaigen sozialen Notständen könne man „auch als Influencer oder YouTuber entkommen.“ Maas: „Wir sehen nicht, dass die große Welle an Spitzensportlern nachrutscht. Es wird also Brüche geben.“

Ein tröstendes Wort: „Aber wir haben ja auch noch alle anderen Generationen.“ Nicht nur Z. GÜNTER KLEIN

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