Grand Colombier – Tadej Pogacar rollte bei seinem nächsten Nadelstich im Sekunden-Poker fast mit einem Lächeln über den Zielstrich, der völlig entkräftete Jonas Vingegaard musste knapp dahinter von einem Helfer von der Straße geschoben werden. Der Thriller namens 110. Tour de France wurde am Freitag am Grand Colombier noch einmal spannender, nur noch neun Sekunden trennen Verfolger Pogacar von Spitzenreiter Vingegaard. Dem explosiven Antritt des Slowenen auf dem letzten Kilometer konnte der schmächtige Däne einmal mehr nicht folgen.
„Es war ein kleiner Sieg für uns mit den Sekunden. Das ist ein guter Anfang“, sagte Pogacar am französischen Nationalfeiertag mit Blick auf die bis Mittwoch folgenden Alpenetappen. Den Etappensieg am Freitag holte sich Ex-Weltmeister Michal Kwiatkowski aus Polen als Solist vor dem Belgier Maxim van Gils. Pogacar wurde Dritter und sicherte sich so vier weitere Bonussekunden.
Pogacar lobte seinen Widersacher Vingegaard in den höchsten Tönen: „Er ist ein super Fahrer, einer der besten Kletterer der Welt. Es ist echt schwer, ihn abzuhängen. Ich habe es mit einem langen Sprint versucht, am Ende war ich richtig am Limit. Aber die Sekunden waren es wert.“ Vingegaard meinte gelassen: „Das Ziel war es, mein Gelbes Trikot zu verteidigen. Das ist mir gelungen. Die Tour wurde erst einmal durch wenige Sekunden entschieden.“
Oben am Berg befand sich auch Pogacars Freundin Urska Zigart als Fan an der Strecke. „Er ist noch nicht im Gelben Trikot, es sind noch neun Sekunden. Aber ich bin überzeugt, er wird weiterhin sein Bestes geben“, sagte Zigart der ARD. Die 26-Jährige ist ebenfalls Radprofi, war vor etwa einer Woche beim Giro Donne gestürzt.
Pogacars Team war mit hohem Tempo in den Schlussanstieg im französischen Teil des Juras gefahren. Vingegaard, der zum 18. Mal in seiner Karriere das Gelbe Trikot trug, wich nicht vom Hinterrad des Slowenen, nahm ihn praktisch in Manndeckung. Pogacar kam mit besten Erinnerungen zurück an den Grand Colombier. 2020 hatte er die Tour-Etappe auf den 1501 Meter hohen Gipfel bereits gewonnen.
Erst auf dem letzten Kilometer griff sich Pogacar ein Herz, setzte eine seiner gefürchteten explosiven Attacken. Vingegaard ließ nach etwa 200 Metern abreißen, hielt den Schaden aber noch in Grenzen und rollte knapp hinter Pogacar über die Ziellinie. Georg Zimmermann hielt sich lange in der Fluchtgruppe des Tages auf, hatte aber keine Chance auf den Sieg. „Es ist ein bisschen schade, dass ich da nicht mehr hingekommen bin. Heute habe ich keinen Fehler gemacht. Es ist ein bisschen unglücklich, dass am Ende die Gesamtwertungsfahrer noch an mir vorbeifliegen“, sagte der 25-Jährige aus Neusäß. dpa