Die Reaktion aus Russland auf die Nicht-Einladung des eigenen Nationalen Olympischen Komitees zu den Paris-Spielen 2024 folgte prompt. Natürlich habe man „das Recht“ anzutreten, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow und dafür werden man sich auch „einsetzen“. Es waren erwartbare und wenig überraschende Sätze. Ähnlich vorhersehbar war die Aktion des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) tags zuvor. In Lausanne spielt man wie schon oft in der Vergangenheit auf Zeit. Zudem hat sich das IOC ohnehin schon für eine Wiederzulassung russischer und belarussischer Athleten ausgesprochen, die Entscheidungshoheit aber an die Fachverbände delegiert. Man könnte auch sagen: das IOC hat die Verantwortung von sich weggeschoben. Die Nicht-Einladung war also reines Geplänkel.
Während man auf sportpolitischer Ebene die Figuren wie beim Schach hin- und herschiebt, bekommen die Sportler die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine immer wieder zu spüren. Viktoria Azarenka (Belarus) hat die Kämpfe von Beginn an schwer verurteilt. Nach ihrer Viertelfinalniederlage in Wimbledon gegen Elina Switolina hob sie – in dem Wissen, dass die Ukrainerin seit Kriegsstart auf Handshakes verzichtet – am Netz nur kurz und respektvoll die Hand. Und wurde vom Publikum ausgebuht. Kurios: Noch bei den French Open in Paris erntete Switolina für ihre Haltung Pfiffe und nicht die damalige Konkurrentin Aryna Sabalenka (Belarus). Sowohl Zuschauer als auch Athleten scheinen überfordert.
Eine klare Linie gibt es nirgends. Auch nicht im Schwimmen. Bei der gestern begonnenen WM muss der Ukrainer Mychajlo Romantschuk nicht gegen Russen antreten. In Paris vielleicht schon, falls sich der Weltverband in den kommenden Tagen zur Wiederzulassung entschließt. Die Motivation wäre grenzenlos, sagt der 26-Jährige, ein Handschlag wäre auch für ihn nicht denkbar. Allerdings: Präsident Wolodymyr Selenskyj könnte ihm ein solches Duell durch ein bereits angekündigtes Antrittsverbot untersagen. Hunderten Ukrainern würde so der Olympia-Traum geraubt. Selbiges gilt zwar auch für Russen und Belarussen, wenn sie nicht teilnehmen dürfen. Aber zumindest mit den Schwimmern müsste man wohl nicht zu viel Mitleid haben. Unter den russischen Konkurrenten seien früher auch Freunde gewesen, so Romantschuk. Seit Kriegsbeginn habe sich allerdings kein einziger bei ihm gemeldet.
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