Die ehemalige Bundestrainerin Silvia Neid im Interview über Favoriten bei der Frauen-WM in Australien und Neuseeland und die Chancen von Deutschland.
Sie leiten die Abteilung Trendscouting im Frauen- und Mädchenfußball beim Deutschen Fußball-Bund. Das hört sich danach an, als seien Sie noch häufiger auf Reisen als früher als Bundestrainerin?
Meine Tätigkeit bedeutet tatsächlich, dass ich bei Champions-League-Spielen, bei Europa- und Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen unterwegs bin. Wir wollen sehen, was im Frauenfußball international passiert. Wo und wie entwickeln sich andere Teams weiter? Das fasse ich auch mit meinem Team für die WM in Australien und Neuseeland wieder zusammen. Mittlerweile gibt es viele Möglichkeiten, die Spiele zu verfolgen. Meine Software nennt sich ‚Wyscout’, womit ich alle Spiele über ein Scoutingfeed sehen kann.
Dann können Sie uns wahrscheinlich genau sagen, was Deutschland in einer Gruppe mit Marokko, Kolumbien und Südkorea erwartet?
Eigentlich ist das aber nicht explizit mein Aufgabengebiet, weil Marokko nicht zu den führenden Nationen gehört, die Trends setzen. Südkorea kennen wir besser, weil Colin Bell (seit 2019 Nationaltrainer von Südkorea, Anm. d. Red.) gerne mit seinen Teams sehr kompakt agiert. Aber auch diese Aufgabe ist sicher machbar. Wo wir gewarnt sein müssen, ist Kolumbien: sehr viele gute, technisch versierte Einzelspielerinnen. Da sehe ich individuell eine hohe Qualität.
Die letztjährige Vize-Europameisterschaft hat einen Boom angestoßen, der sich in die Liga übertragen hat. Überrascht Sie das?
Nach 2016 ist der Frauenfußball tatsächlich ein bisschen ins Hintertreffen geraten, wir haben nicht gut gespielt, sind 2017 bei der EM und 2019 bei der WM im Viertelfinale ausgeschieden und dementsprechend fehlte uns bei diesen Turnieren die Sichtbarkeit. Das war dann eine Kettenreaktion. Im vergangenen Jahr hatten uns wenige auf dem Zettel. Zum Glück ist es jetzt immer noch so, dass der Frauenfußball aufgrund der Leistungen bei der EM bei den Menschen in aller Munde geblieben ist.
Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hat jetzt öfter betont, dass Sie mit ihrem Blick über den Tellerrand helfen würden. Wie muss man sich den Austausch vorstellen?
Wir telefonieren, aber wir sehen uns auch mal auf dem Campus. Es ist jedes Mal interessant, mit ihr über die Themen zu reden.
Voss-Tecklenburg ist als Bundestrainerin zu einer öffentlichen Person gereift, die zu fast jedem Thema was zu sagen hat. Hätten Sie ihr das so zugetraut?
Ja, denn Martina ist rhetorisch sehr stark, sehr interessiert – und sie weiß auch, dass es wichtig ist, sich zu gesellschaftspolitischen Themen zu äußern.
Die Bundestrainerin spricht von einem sehr großen Kreis von Titelanwärtern. Sie gehen da vermutlich mit?
Für mich gibt es Deutschland, USA, Brasilien, Frankreich und England. Diese Mannschaften können allerdings schon ab der K.o.-Phase aufeinandertreffen – das zeigt, wie anspruchsvoll der Weg ins Finale ist. Hinter Schweden steht ein Fragezeichen, weil sie ihr schnelles Umschalten von den Olympischen Spielen bei der EM nicht mehr gezeigt haben. Bei Spanien müssen wir sehen, wie sehr sie die Unruhen um den Trainer verarbeitet haben. Natürlich kann auch Gastgeber Australien eine Welle erwischen.
Sie sind 2000 bei den Olympischen Spielen in Sydney dabei gewesen. Was wird die Fußballerinnen aus aller Welt dort erwarten?
Sportverrückte, fröhliche Menschen, schöne Landschaften – und alleine die Stadt Sydney ist beeindruckend. Die WM wird super werden. Es wird sicher ein bisschen anders sein, weil dort jetzt Winter ist, aber es wird dem tollen Fußball keinen Abbruch tun.
Interview: Frank Hellmann